Konflikt

Er sagt, er habe Barthes gelesen. Sie sagt, sie habe Barth gesehen. Schwer zu sagen, wer von beiden Eskapismus erfolgreicher betreibt.

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Bregretting politicianhood

Mit nichts hat Helmut Schmidt dem Begriff des Politischen so sehr geschadet wie mit dem Diktum, dass zum Arzt gehen sollte, wer Visionen hat. Diese Aussage gilt heute als Grundweisheit der sogenannten Realpolitik – ein verheerender Begriff, der schon auf der grammatisch-semantischen Ebene zwischen dem Determinatum „Politik“ und dem Determinans „Real“ eine Einschränkung der „Politik“ durch das „Reale“ insinuiert. Dass es „die Realität“ als Widerpart der Vision gibt, namentlich „Sachzwänge“, die ein alternativloses Handeln fordern – das ist ein axiomatischer Glaubensgrundsatz einer politischen Elite, die sich von der Pike auf parteisoldatisch zur lobbykratischen Reaktivität hat erziehen lassen.
So ist der Atomausstieg in Gestalt des 13. Gesetzes zur Änderung des Atomgesetzes vom Juli 2011 nicht aus energie- und umweltpolitischer Weitsicht beschlossen worden, sondern unter dem Eindruck der Erschütterung der politischen Machtverhältnisse in Baden-Württemberg nach Fukushima. Listig hat die Merkelin sich flugs eine grüne Grundsatzposition zu eigen gemacht, auf dass die Macht im Bund nicht ebenso schwinde, stand doch zur Halbzeit der Legislatur der Wahlkampf für die Bundestagswahlen 2013 vor der Tür. Ebenso entsprang die Bankenrettung im Zuge der Finanzkrise ab 2007 nicht volkswirtschaftlichem Kalkül, sondern der Angst, dass der deutsche Sparer und Anleger sich politisch von den Regierungsparteien abwendet, wenn er Verlust macht. Und so wurden die Kosten der Spekulation sozialisiert, während die Gewinne privatisiert bleiben – und die Finanzmärkte sich wie eh und je doll und doller gebärden.
Die von fast allen Parteien gepredigte Alternativlosigkeit des gemeinsam getragenen und damit staatstragenden politischen Handelns ist die Bankrotterklärung nicht nur des demokratischen Systems, sondern des Politischen überhaupt. Politische Entscheidungen hatten nach einem frühen Nachkriegsverständnis nicht die Haftung für Privatirrationalitäten zu übernehmen, sondern ihnen vorzubeugen – ebenso wie nationalen Irrationalitäten. Überhaupt verstand sich Politik durchaus visionär in der Lesart, dass Wunschdenken durchaus leitend sein kann: Der europäische Zusammenschluss ist ohne die Vision eines friedenssicheren Ballungsraums, in dem national Trennendes eine geringere Rolle als das menschlich Verbindende spielt, nicht denkbar.
Dass dieses Leitmotiv an den europäischen Grenzen endet, wurde durch den schachernden Zynismus der Regierungen augenfällig. Dass das Leitmotiv auch innereuropäisch immer mehr in den Hintergrund tritt, muss angesichts des herrischen Umgangs mit Griechenland und dem Wiedererstarken dumpfer Nationalismen allüberall nicht mehr betont werden. Die Vermutung, dass das Ideal einer am Friedenserhalt orientierten Solidargemeinschaft wahrscheinlich sogar zum geschichtlichen Schrott gehört, drängt sich spätestens auf, seit es der monothematischen „Taking-back-control“-Kampagne von Menschen mit Hackfressen und schlimmen Frisuren gelungen ist, dreiste Faktenverdrehung im Brexit münden zu lassen – wohlwissend, dass Menschen eigentlich mit Politik nicht behelligt werden wollen und es gern einfach erklärt haben wollen, zur Not auch entgegen aller frei zugänglichen Fakten.
Der „Taking-back-control“-Gestus wirkte so attraktiv, weil er unter der Renationalisierungsoberfläche suggerierte, hier ergreife eine politische Elite wieder das Steuerrad – Schluss mit dem Reagieren, es hebe an das Regieren. Nur wird es so nicht kommen. Der auch von der britischen Gesellschaft selbstgewählte Primat des Ökonomischen erfordert – Realpolitik eben – die Ökonomiekonformität von Politik, ob nun auf nationaler oder auf europäischer Ebene. Das heißt, dass sich für den hoffnungsfrohen Pro-Brexit-Wähler überhaupt nichts ändert, der Vorrang des Politischen vor dem Ökonomischen zum Wohle der breiten Masse wird auch im nun auf sich allein gestellten Großbritannien nicht zurückerobert werden. Stattdessen bleibt nur die diskreditierteste der politischen Visionen übrig: das Nationale. Und hier gebiert der Traum vom unabhängigen Großbritannien schon neue Ungeheuer der nationalen Abspaltung: Schottland will lieber abhängig von der EU als von England sein.
Vielleicht ist der europäische Gedanke nach wie vor zu groß für eigentlich lokal oder allenfalls regional getrimmte Hirne, die sich immerhin zur Fiktion der nationalen Verfasstheit aufrühren lassen. Es sind die selben Hirne, für die auch der Gedanke zu groß ist, dass eine größere ökonomische Homogenität zu mehr Zufriedenheit in einer Gesellschaft beiträgt. Wo jeder hofft, zu den nominellen Profiteuren gehören zu können, ist Solidarität nur noch eine leere Worthülse einer nach außen hin ideologie- und lagerlosen Grundkonsenspolitik, die im Inneren jedoch strikt lobbykratisch wenige privilegiert und viele für dumm verkauft. Die reaktive Politik ist vielleicht ideologie-, in jedem Fall aber ideenlos. Proaktiver Gestaltungswille, Krisenvorbeugung, weitsichtige Entscheidungen, orientiert an einer Heuristik der Furcht z.B. vor sozioökonomischen Schieflagen, die in dramatischem Unfrieden münden können – dies alles wird verhindert von einer in Legislaturperioden denkenden Parteienclique zwischen Hoffen auf Regierungsbeteiligung und Bangen vor der Oppositionsbank, und wer es dann in die Regierung geschafft hat (oder als Einzelner ins Parlament), werkelt treuherzig mit an der Mängelverwaltung, am Besitzstandswahrungskatechismus und am Standortdogma.
Was wäre theoretisch die Alternative? Artikel 21 des Grundgesetzes artikuliert, dass die Parteien an der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken. Es ist nicht zementiert, dass die Parteien alleine die Mitglieder des Bundestages zu stellen haben. Faktisch dürfte der Gewinn eines Wahlkreises durch einen Parteilosen jedoch aufgrund der etablierten Aufmerksamkeitserringungsstrukturen ausgeschlossen sein. Immerhin ist auch nicht festgelegt, dass das Parlament in Regierungs- und Oppositionslager aufgeteilt zu sein hat. Eine Allparteienregierung wäre denkbar, in der alle im Parlament vertretenen Parteien durch Ministerposten an der Regierung beteiligt werden. Da Ministerposten in der Vergangenheit auch an Parteilose vergeben wurden, erscheint der Schritt so undenkbar nicht. Es würde einer großen Koalition etwas von ihrer Arroganz nehmen und einer winzigen Opposition etwas von ihrem Kläfferischen, wenn alle zur Wahrnehmung der Regierungsverantwortung verpflichtet wären. Letztlich müsste auch keine Partei Angst haben, vom Wähler „abgestraft“ zu werden, denn die Mehrheitsverhältnisse könnten sich zwar ändern, aber eine Wahl zu „verlieren“, wie es im jetzigen Hop-oder-Top-Denken verankert ist, wäre dann gar nicht mehr möglich.
Und keine dann wirklich dem Wahlergebnis entsprechend repräsentative Regierung müsste sich gönnerhaft einen Arztbesuch empfehlen lassen, wenn sie – vielleicht auch kurzfristig unpopuläre, aber langfristig trag- und breitenzustimmungsfähige – Visionen entwickelt. Ohne Visionen wird es nämlich bald nicht mehr gehen. Noch vogelwilder: Die Visionen müssen eher über kurz als über lang global sein, sonst brauchen wir überhaupt keine Politik mehr. Schmidtsche Weisheiten haben ausgedient.

Der nächste Anschlag

Es gibt zwei sich gegenüberstehende Paranoiata, die rhetorisch einen Spagat zwischen zwei so nicht existenten Polen suggerieren: Die bürgerliche Paranoia wittert hinter allen exekutiven Ermächtigungen die Abschaffung von Grundrechten, die exekutive Paranoia wittert hinter jeder verwehrten Ermächtigung das Einfalltor für Sicherheitsrisiken. Daher wird immer vom Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit schwadroniert. Ereignisse wie die Attentate von Paris und Brüssel werden zum bitteren Triumph beider Paranoikerfraktionen: Die Exekutiven behaupten, mit mehr Ermächtigungen so etwas verhindern zu können, der Bürger sagt: Trotz Vorratsdatenspeicherung wurde hier nichts verhindert.

Es ist dies eine ganz fatale Verkennung des möglichen Sinnes der Vorratsdatenspeicherung wie auch der allermeisten Ermächtigungsgrundlagen für Exekutivorgane: Sie sollen im NACHHINEIN, ex post, die Aufklärung erleichtern (ob das in Frankreich der Fall war, weiß ich nicht). Die sekundär- und tertiärpräventiven Qualitäten von erlaubten Grundrechtseinschränkungen sind in der Gesetzgebung seltenst deren Rechtfertigung. Deswegen gehört es schon zur Irreführung, davon zu sprechen, dass eine Gesellschaft sich auf Gesetzesebene für die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu entscheiden habe.

Gerhart Baum, immerhin Volljurist, Ex-Innenminister usw., also ein nominell intelligenter Mann, entblödet sich nicht, bei „Hart, aber fair“ (schon etwas her) sowie aktuell auf seiner Homepage die „Überwachung“ des Bürgers zu beunken (www.gerhart-baum.de). Wegen der unterstellten Intelligenz kommt man nicht umhin, in der Wortwahl eine gezielte Polemisierung zu sehen, welche allerdings eine semantische Verblödung unterstützt, die den weniger polemikbegabten Konsumenten solcher Traktate wieder einmal bei der schrecklichen Vereinfachung der Welt hilft. „Überwachung“, soviel wird wohl konsensfähig sein, ist die Beäugung von Beäugten durch eine zur Beäugung ermächtigten und befähigten Institution – und das anlassunbhängig, als umfassende Kontrolle eben. Nun wird gerade die frisch reinstitutionalisierte und postwendend wieder vor dem Bundesverfassungsgericht beklagte Vorratsdatenspeicherung als Paradebeispiel für die „Überwachung“ angeführt, und der Bürger reagiert mit dem Empörungsreflex, der ihm umso stärker zu Gebote steht, je weniger Ahnung er von der Materie hat.

Die juristischen Tatbestände (Richtervorbehalt, Fristen, Berichtspflichten etc.) können getrost außer Acht gelassen werden, birgt die Sache doch genügend in populäre Begriffe übersetzbare Aspekte, um die Gemüter zu beruhigen.

Aus der verdachtsunabhängigen Speicherung von Verkehrsdaten der Telekommunikation (d.h. der bis zur jüngsten Novellierung jahrelang untersagten Möglichkeit der Identifizierung von Nutzern rückwirkend ermittelter IP-Adressen über die bei der Bundesnetzagentur gespeicherten Anschlussinhaberdaten) folgt nämlich mitnichten die vielbeklagte „Überwachung“ „unbescholtener“ Bürger. Die verdachtsunabhängige Speicherung führt nicht zur verdachtsunabhängigen Abfrage und Auswertung von Daten, schon gar nicht in Echtzeit. Hier werden hochspezielle und nur individuell verdachtsabhängig unter allerengsten Voraussetzungen und Beteiligung zweier Gewalten anwendbare tatsächliche Überwachungsermächtigungen wie der sogenannte Große Lauschangriff und längerfristige Observationen entweder fahrlässig oder – im Falle Baums, da Jurist und also über die Tatbestandsvoraussetzungen der jeweiligen Ermächtigungen fachkundig im Bilde – vorsätzlich verwechselt mit der verdachtsunabhängigen Speicherung (und NUR der Speicherung) von Verkehrsdaten, deren Anforderung und Auswertung wiederum nur verdachtsabhängig möglich ist. Die Daten werden – auch das muss offenkundig erst ausdrücklich festgestellt werden – nämlich von den Providern gespeichert, nicht von der Exekutive, und müssen also im Verdachtsfall angefordert werden. Ein Schelm, wer davon ausgeht, dass diese Speicherung und Verwertung zu kommerziellen Zwecken durch private Dritte auch während der Phase des Datenvorratsspeicherungsverbots durchaus statthatte. Nur hat die Exekutive eben keinen Zugriff darauf erhalten. Die Verletzung der Grundrechte durch die Provider, dieses Drittwirkungsversagen, hat indes keine Entrüstungsstürme ausgelöst, ebensowenig wie die freiwillige Datenhingabe an Payback-Anbieter, das Tracking durch Smartphones etc. Wenn es um das Sparen der sprichwörtlichen müden Mark geht, wird auch nicht Gerhart Baum engagiert. Aber wenn die müde Mark bei einem Ebay-Betrug verloren geht, dann entdeckt vielleicht sogar der Deutsche seine Liebe zur Vorratsdatenspeicherung – und ist dann nach dem nächsten Anschlag wieder empört, dass die Vorratsdatenspeicherung das nicht verhindert hat. Aber dann kann man ja wieder zum Anfang dieses Beitrags scrollen.

Sicherheit kann man also durch keine Exekutivermächtigung der Welt erreichen, Anschläge lassen sich nicht konsequent verhindern. Lediglich die Aufklärungsquote lässt sich erhöhen, und aus den Aufklärungserkenntnissen über Netzwerke, Beschaffungswege usw. lässt sich die Wahrscheinlichkeit neuer Anschläge allenfalls reduzieren. (Es ist eine unpopuläre Tatsache, dass natürlich auch Anschläge vereitelt wurden; beweisen lässt sich das allerdings kaum, jedenfalls nicht für das öffentliche Bewusstsein. Das funktioniert nämlich nur ex negativo: Nur der stattgehabte Anschlag wurde erwiesenermaßen nicht verhindert; der verhinderte hingegen hätte vielleicht nie stattgehabt. Ein Verhinderungstriumph ist nicht zu haben und immer öder als ein Aufklärungserfolg; so funktioniert die Aufmerksamkeitspolitik.) Relative Sicherheit kann nur durch Rahmenbedingungen der Primärprävention wie ernstgenommene Integration, Waffenmonopol des Staates, Bildungs- und Partizipationschancen für alle Bevölkerungsteile etc. VORBEREITET werden, eine Garantie dafür gibt es nicht. Delinquente Karrieren von Individuen lassen sich nur begrenzt beeinflussen, und der stets nach Anschlägen (so auch hier ubiquitär in allen Berichterstattungen) mit offen anklagendem Ton vorgetragene Vorwurf, die Attentäter seien polizeibekannt gewesen, verweist lediglich auf die Grundlagen des Rechtstaats: Datenerhebung ist nicht Datenauswertung, Wissen von Personen ist nicht deren Kontrolle, vergangene Tatbegehungen können und dürfen nach dem rechtsstaatlichen Menschenbild nicht als Indiz für spätere Eskalation präventiv genutzt werden.

Was will uns denn die Anklage, die Täter seien polizeibekannt gewesen, mitteilen? Klopfen wir den Begriff doch einmal ab. „Polizeibekannt“ heißt nicht, dass die Polizei eigeninitiativ Erkenntnisse zu einer Person erhoben hat. Vielmehr fallen in der Regel die Erkenntnisse über eine Person oder doch die Ermittlungsansätze zu einer Person der Polizei mehr oder minder ohne eigenes Zutun in den Schoß: Strafanzeigen werden in der Mehrzahl von Dritten erstattet, und nicht von der Polizei aufgrund eigener Wahrnehmung geschrieben. Denn die Wahrnehmungsfähigkeit hat etwas mit der Personalstärke und der Präsenzfähigkeit zu tun. Der Rückzug der Polizei aus dem öffentlichen Raum ist jedoch evident. Ist eine Person nun also durch Dritte als Beschuldigte in einem Strafverfahren benannt oder zumindest ermittelbar gemacht worden, ist diese Person „polizeibekannt“. Das sagt jedoch rein gar nichts über die Qualität der Erkenntnisse über die Person aus, zudem steht bei der Masse der Strafverfahren der Verfahrensausgang in keiner Beziehung zu den Ermittlungserkenntnissen der Polizei – und das muss im Rechtsstaat auch so sein. Über die Schuld und die Schuldschwere hat nicht die Polizei zu befinden, sondern die Judikative. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist das Prädikat „polizeibekannt“ nichtssagend. Aber eine Eskalationsstufe des Vorwurfs der exekutiven Tatenlosigkeit ist ja noch auszuschöpfen: der Vorwurf, die Täter seien „einschlägig polizeibekannt“ gewesen. Ob man es nun glauben mag oder nicht: Kein Attentäter ist jemals zuvor mit einem Amoklauf oder Terroranschlag, gleich welchen ideologischen Hintergrunds, aufgefallen. Viele mögen zuvor schon einmal irgendwelche Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, vielleicht auch Raubdelikte begangen haben. Aber die Radikalisierung zu einer ideologisch begründeten Tat und damit die behauptete „Einschlägigkeit“ ergibt sich nicht aus diesem Tatenkatalog, sondern geschieht in Räumen, die den Ermittlungsbehörden ohne konkreten Hinweis auf weitere begangene oder anstehende Taten verschlossen bleiben. Wenn kein Strafverfahren anhängig ist, gibt es so gut wie keine strafprozessualen, nebenstraflichen oder polizeirechtlichen Mittel, so etwas wie Kontrolle langfristig und in der Fläche zu exerzieren. Und Haft gibt es – allenfalls – für erwiesener Maßen begangene, nicht für gemutmaßte zukünftige Taten.

Die wirkliche Aufgabe für die sogenannten offenen, faktisch jedoch integrations- und toleranzlimitierten Gesellschaften ist es ohnehin, so etwas wie terroristische Anschläge, grundsätzlich aber jegliche Form faktisch nicht verhinderbarer Kriminalität AUSZUHALTEN und integrativ, nicht desintegrativ darauf zu reagieren und sich zudem zu fragen, wie viel Freiheit man für die Aufklärung von Straftaten zu opfern bereit ist. Letztlich ist die sogenannte Sicherheit immer nur ein subjektives Gefühl, das nur mittelbar mit wirklich selbst Erlebtem korrespondiert. Aber da sich mit keiner Angst mehr Auflage und Einschaltquote machen lässt als mit der der noch Unbetroffenen, erleben wir weniger eine Erschütterung der „Sicherheit“, sondern hauptsächlich die Erschütterung des Sicherheitsbegriffs durch mediale Berichterstattung. Wieder zu besichtigen beim nächsten Mal. Und beim übernächsten Mal.

 

Tschö mit ö und Renditö-Verschwö ditö

Die Immermehrvernetztheit aller mit allem und die Allgegenwart von „Information“, kurz: das Internet hat jedes Individuum zum Erklärbär dessen gemacht, was es sich zur sogenannten Realität erkiest. Doch damit nicht genug: Das Individuum will nicht nur sich, sondern auch allen anderen die Realität erklären (wovon dieses Gebloggere hier beredtes Zeugnis ablegt), und das – wie könnte es anders sein – mit Alleingeltungsanspruch. So wird aus jeder nunmehr von vornherein zwangsöffentlichen Verlautbarung so etwas wie der private Katechismus des Individuums. Aus der good ol‘ Komplexitätsreduktion ergibt sich fast schon zwangsläufig die Notwendigkeit, den disparaten und kontingenten, in Modelle nicht mehr pressbaren Erscheinungen menschlichen Tuns eine in sich geschlossene, alles wieder glättende Interpretation entgegenzusetzen. Es kömmt eben nicht mehr darauf an, die Welt zu verändern, das tüt sie ohnehin permanent, sondern sie zum Behufe des eigenen Seelenfriedens so zu interpretieren, dass man darüber nicht den Verstand verliert (auch wenn man gar keinen zu verlieren hat).

Es ist folglich mehr denn je die Zeit der schrecklichen Vereinfacher, und so haben sie denn auch Zulauf: die politischen Parteien, die alles auf einen schröcklichen Nenner bringen, die Unternehmen, die Erlösung durch das richtige Produkt suggerieren, die Medien, die den perfekten Eskapismus choreographieren, alle sind sie zur Stelle, denn sie haben erkannt: Des Menschen Komplexitätsreduktion ist sein Himmelreich, und mit der Verwaltung dieser Gated Community lässt sich Staat und Kohle machen.

Ich sage „sie“, und es klingt, als handele es sich um eine homogene Gruppe der oberen Zehntausend, die sich zu unserer Ausbeutung verschworen hätten. Doch schon die Annahme, dass es Verschwörungen von Menschen über einer Gruppenstärke von – sagen wir mal willkürlich – 50 Personen geben könnte, sagt viel aus über die psychologische Blindheit der Theoretiker. Eine Verschwörung, will heißen das Zusammengeisten von Individuen im Geheimen, das Konspirieren eben, ist schon ein Widerspruch in sich. Sollte sich eine auch nur geringe Zahl von Egos finden, die in der Lage wären, tatsächlich im Verborgenen eine Strippenziehermacht aufzubauen, dann würden unweigerlich die Erscheinungsformen eben dieser Egos zum Zusammenbruch der Verschwörung führen – entweder in Form eines offenen und gar nicht mehr geheimen Bekenntnisses zum stärksten Ego oder in der Form der gleichmäßigen Marginalisierung der einzelnen Egos bis zur Bedeutungslosigkeit. Innerhalb einer Partei oder eines putschbedrohten Staates beispielsweise ist beide Szenarien schon vielfach aufgetreten, nur eben nicht als anhaltende Konspiration, sondern als Provisorium bis zur Machtokkupation oder bis zum völligen Einflussverlust. Die permanente Konspiration von Mächtigen hingegen ist undenkbar. Machtausübung und Machtdemonstrationsverzicht, das geht nicht zusammen. Persönlichkeiten dieses Schlages müssten erst noch erfunden werden. Menschen konspirieren nicht. Sie verfolgen je eigene Interessen, und wenn deren Verfolgung sich zeitweilig mit der Strategie anderer deckt, so bildet man vielleicht auch ganz unerhörte Koalitionen, aber immer nur vorübergehend.

Die Attraktivität einer Verschwörungstheorie für das komplexitätsreduktionsgeile Gehirn besteht aus zwei gemeinhin als unwissenschaftlich gebrandmarkten Komponenten: dass sie mit höchster Simplizität und Verständlichkeit nach eigenem Verständnis etwas „erklärt“, also mit Eindeutigkeiten, Polaritäten, größtmöglichen Kontrasten etc. eine Perspektive konstruiert, aus der alles einen Sinn ergibt; und dass sie nach eigenem Verständnis „aufklärt“, also einen eigenen ideologischen Standpunkt gegenüber anderen, desavouierten ideologischen Standpunkten einnimmt und so darstellt, warum die Erklärungen aus anderen Perspektiven untragbar sind (weil sie z.B. der „Lügenpresse“ entstammen). Dieser Attraktivität wollen wir hier aber nicht erliegen. Es gibt kein Zentralhirn etwaiger dauerhafter, weltumspannender Konspirationen, die unter der Oberfläche der sogenannten demokratisch und auch der nicht so genannten, folglich offen undemokratisch verfassten nationalstaatlichen Konglomerate den Weltenlauf zu ihrer alleinigen Wohlfahrt lenken, und insofern lässt sich die monotone Marschrichtung der Kultur- und Marktgleichschaltung auch nicht erklären. Aber es gibt Seilschaften, Eliten, Netzwerke, Ivy-League-Zirkel, Lobbyverbände, transnationale Multiproduktkonzerne, unheilige Koalitionen. Dass sie sich bisweilen untereinander bis aufs Blut bekämpfen und einander das Schwatte unterm Nagel nicht gönnen, ändert nichts am Grundkonsens und dem gemeinsamen oder genauer: nur gleichzeitigen Erfolg der einzelnen Protagonisten bzw. korporativen Akteure – und der Aktionäre natürlich.

Für uns Erste-Welt-Bewohner stellt das lediglich eine faktische, aber untergründige Einschränkung der oberflächlich exorbitanten Bandbreite der Verhaltens- und Wahlmöglichkeiten dar: Kaufst Du Milka, bezahlst Du Mondelez; kaufst Du Cadbury, bezahlst Du Mondelez; kaufst Du Daim, Oreos oder Toblerone, wen bezahlst Du wohl? Aber wählst Du SPD, bekommst Du auch nur CDU.

Für die Märkte der zweiten und dritten Welt bedeutet die erdrückende Marktmacht der transnationalen Konzerne und die durch Subventionen protegierten Produzenten unserer Hemisphäre, dass lokale mittelständische Unternehmen und Kleinanbieter wie auch Produzenten (z.B. Bauern) vernichtet werden, buchstäblich und wortwörtlich. Der Umstand, dass europäische Tomaten für Dumpingpreise den afrikanischen Markt überschwemmen und es den örtlichen Bauern unmöglich machen, ihre Tomaten loszuwerden, ist mittlerweile eine bekannte Tatsache, aber in seiner Perversion noch nicht genügend angeprangert, will mir scheinen. Die Fortsetzung des Imperialismus und Kolonialismus – die Erfindung neuer Euphemismen für die alten Praktiken verbietet sich von selbst – äußert sich nicht mehr in Obszönitäten ersten Grades: dass wir nämlich das Lohn- und Produktionskostengefälle dazu nutzen, uns das Zeug schön billig kommen zu lassen, während die da unten kaum davon leben können, sondern auch in Obszönitäten zweiten Grades, indem wir die da unten auch noch abhängig von unseren Importen machen – und von unseren Patenten auf die Biosphäre, wovon die Menschen ein Lied singen werden können, die von Monsanto gezwungen werden, das aus eigener Ernte zurückgelegten Saatgut zu vernichten, um das Monsanto-Zeug kaufen zu müssen.

Noch vor wenigen Monaten war ich so naiv und glaubte, der Konsument müsse sich nur seiner Macht bewusst werden. Dann hätte hier die Quintessenz gestanden: „Sie leben wie die Maden im Speck. Wir müssten uns nur klarmachen, dass wir über den Speck gebieten. Wenn wir ihn ihnen wegnehmen, sind es nur noch Maden. Wir müssen nicht einmal konspirieren, uns also eben nicht verschwören. Es braucht kein Gemeinschaftsplus, sondern jeder Einzelne kann ihnen zeigen, dass ihr Scheiß keine Macht über uns hat. Kauf halt keinen Nike-Schuh, der immer noch, trotz aller Lippenbekenntnisse und allen Konsumentenwissens unter obszönen Bedingungen hergestellt wird. Just don’t do it.“ Aber genau das ist fast unmöglich geworden, auf dem Lebensmittelsektor im höchsten Grad.

Schuld ist nicht die ominöse, allumfassende Verschwörung, sondern der Umstand, dass die Erste Welt alles zum Spekulationsobjekt gemacht hat, jedes menschliche Hervorbringungstalent ist in die Hände von Anteilseignern gefallen, ist Investitionsobjekt geworden, so dass am Ende die Geldgeber entscheiden – nicht gemeinsam, aber alle aus dem gemeinsamen Interesse der Rendite heraus. Nicht der Konsument hat mehr die Macht, sondern der Aktionär. Um die ethischen Dimensionen eines Investments schert sich ein Aktionär nicht, umso mehr, als das vielleicht noch mit solchen Gedanken geplagte und der Expertise von Anlageberatern ausgelieferte Individuum des Kleinaktionärs auf dem Rückzug ist. Und die Verantwortungsdiffusion der Investments von Großaktionären ist so hoch, dass es am Ende tatsächlich und wörtlich keiner gewesen sein wird – es also auf exakt das Gegenteil einer Verschwörung hinausläuft.

Die einzige Möglichkeit, sich ein Promille von Unschuld zu erhalten, ist neben dem – fast unmöglichen – Verzicht auf konsumatorischen Imperialismus und dem – allerdings sehr möglichen – Verzicht auf touristischen Kolonialismus: sein Geld niemals anlegen. Gib es dem BoDo-Verkäufer. Gib es mit vollen Händen für möglichst produktlose Dienstleistungen wie Massagen aus. Lass Karikaturen von Dir anfertigen. Lass Gedichte auf Dich verfassen. Verjux das Geld in der nächsten Eisdiele. Die Sahne ist allerdings von Mondelez. Dilemma wie imma.

Heimat

Nun ist es also soweit. Operative Angestellte von Fußballvereinen, sonst mit Geld selbst über Engagements in China, der Ukraine, Katar und sogar Wolfsburg hinwegtröstbar, haben die weichen Faktoren des Daseins für sich entdeckt: den Schoß der Familie, den immerwährenden Dank der Gattin, die auf der Kaufingerstraße im Shoppinghimmel angekommen ist, den Föhn, die Wiesn, eine barrierefreie Villa in Bogenhausen. Denn wenn man dann mit 38 in Rente geht, will man ja auch nicht mehr umziehen müssen. Diese Entwurzelung im Herbst des Lebens, das hält ein alter Baum nicht aus. Daher hat sich der Zwitscherer Marco Mingablog (https://twitter.com/mingablog) dazu entschlossen, ein bisserl Willkommenskultur für den Mats zu zelebrieren, mit all ihrer herzerwärmenden Kaminknisterigkeit. Nun hat der Bub es in der Fremde zu etwas gebracht, dann darf er auch wieder zurück. Ganz und gar andersherum als im Lukas-Evangelium zwar, bayrisch eben, aber sei’s drum. Beim FC Bayern nimmt man ja sogar Wirtschaftsflüchtlinge aus Vereinen aus der zweiten Reihe auf, die sich bei den Bayern sportlich absolut vorhersehbar durch drei Jahre Bankdrückerei ruinieren, sich wirtschaftlich jedoch ein Polster für ihr ganzes restliches Leben anfuttern können.

Sympathisch eigentlich. Wären da nicht all die bresttransportierenden Aromen des bayrischen Heimatbegriffs, die gerade all denen entgegenschlagen, die dort zwischenzeitlich ihr Haupt betten zu dürfen hoffen.

SPOILER: Die Bildkombination oben ist strikt satirisch. Weder soll damit Seine Majestät Horst I. noch sonstwer Gekröntes beleidigt werden.

 

 

Hummeln im Arsch, Hummels am Arsch

Wieder einmal wird ein salomonischer Bescheid von mir erwartet. Nun gut, hier ist er schon.

Im Namen des Volkes:

Um die Rache Vater Hummels‘ an seinem ehemaligen Arbeitgeber FC Bayern zu vollenden, Cathys Society-Ambitionen zu wahren und die Familienzusammenführung im Freistaate zu gewährleisten, wird Herr Mats Julian Hummels, geboren am 16.12.1988 in Bergisch Gladbach, mit Wirkung zum 01.07.2016 zum Turn- und Sportverein München von 1860 e. V. transferiert. Die Ablösesumme wird vom Deutschen Fußball-Bund e.V. an die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA gezahlt. Das Beraterhonorar an Vater Hummels wird von Franz Anton Beckenbauer, geboren am 11.09.1945 in München, in Verrechnung mit dem von ihm verschuldeten Imageschaden für das Ansehen des Sportfunktionärswesens getragen.

Gegeben zu Dortmund am 04. Mai 2016