Paul Schreyer und sein hoffentlich Ohne-Plan-Spiel

Zum Begriff der Verschwörungstheorie ist von berufener Stelle intelligent und sachgerecht geschrieben worden (https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-12/verschwoerungstheorien-corona-krise-wort-des-jahres-2020).

Gerade der Aspekt der elaborierten Verschwörungstheorie im Gewand der wissenschaftlichen Herangehensweise verdient großes Augenmerk. Einen Attila Hildmann lächerlich zu machen oder besser: einfach dabei zuzusehen, wie er sich selber lächerlich macht, ist keine Kunst und keine Arbeit. Arbeit macht es, die pseudoalerten Beiträge zu falsifizieren. Aber einer muss es ja machen.

Da habe ich also wieder eine Wahrnehmungsempfehlung erhalten, und zwar sollte ich mir ein Video von Paul Schreyer anschauen, „das jeder gesehen haben sollte“, namentlich „Pandemie-Planspiele – Vorbereitung einer neuen Ära?“ (https://www.youtube.com/watch?v=SSnJhHOU_28). Ich tat wie mir geheißen, schon etwas unfroh und mit Vorahnungen. Seufz. Also geb ich noch mal alles.

Es lässt sich ohne falsche Polemik sagen: Intelligenz, die sich der massentauglichen Dummheit anbiedert, wird gefährlicher als Intelligenz, die sich mit der Macht ins Bett legt. Das Raunen, das Verdächte hegen, das Beziehungen-Sehen, das „Das kann kein Zufall sein“-Sagen, das alles wird bei Schreyer zwar fast ausschließlich dem Betrachter überlassen, aber in einer Art, die dem willigen Adepten sein nötiges Studentenfutter gibt.

Und das geht so: Man präsentiert wirkliche, faktische Fakten und Zitate, aber in ihrer positivistischen, sozusagen in ihrer dpa-Form, wobei man andere Fakten, die eine größere Diversität von Ereignissen und zeitgenössischen Wahrnehmungen darstellen würden, verschweigt, und in den Zitaten lässt man wesentliche Kontexte einfach aus wie ein Student, der zuerst die Einleitung seiner Proseminararbeit inklusive Beweisziel geschrieben hat und nun alle Quellen so verstümmelt, bis der Schuh draus wird, den er schon von Anfang an vor seinem geistlosen Auge sah. Man stellt die erwählten Fakten nebeneinander, verbindet sie gar nicht weiter, aber das Nebeneinanderstellen insinuiert schon Kausalität und Reziprozität, die zwar nicht beweisbar sind, aber um es mit den Worten Schreyers aus dem genannten Video zu sagen: „Ich will’s gar nicht weiter kommentieren, das sind einfach seine Aussagen aus dieser Zeit, ich find das sehr bemerkenswert. In der Regel werden solche Aussagen ja mit dem Rubrum ‚Verschwörungstheorie‘ bezeichnet, aber das ist real, das ist eine reale Aussage von einem Mann, der großen Einfluss hat.“ Es ist dies die Kehrseite des unseligen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, nämlich das in den Bart gebrummte „Ich sach dazu nix“. Ich komme später noch einmal darauf zurück.

Zunächst einmal schildert Schreyer die Entwicklung von Notfall- und Katastrophenübungen nach dem Ende des Kalten Krieges in den USA. Dabei werden das vermeintliche Investmentinteresse nicht bezeichneter Kreise und damit der vermeintliche US-amerikanische Strategieschwerpunkt von Schreyer durch ein Bild aus einer Pressekonferenz des amerikanischen Verteidigungsministers 1997 illustriert, auf dessen Flipchart die Kosten zur Abwehr biologischer Bedrohungen mit „1 Milliarde Dollar in den nächsten fünf Jahren“ beziffert werden, wobei verschwiegen wird, dass der Militärhaushalt der USA alleine in 1995 rund 278 Milliarden Dollar betrug (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/5993/umfrage/militaerausgaben-der-wichtigsten-natostaaten/). Aber „man sieht, es ging von Anfang an um sehr viel Geld“ – nur, dass man’s eben nicht sieht, sondern nur unbelegt gesagt bekommt (was sicherlich einer der Grundverdächtigung gegenüber der Meinungsbildung „top-down“ durch die „Mainstreammedien“ seitens der „bottom-up“-Aufklärer wie Schreyer ist) und eben in der Regel aus Bequemlichkeit glaubt.

Schreyer lässt in der Präsentation Terroranschlag auf Terroranschlag folgen und erweckt den Eindruck, der Weg zur Antiterrorgesetzgebung nach dem 11. September 2001 sei eine gerade Linie fortschreitender Präsidialermächtigungen und zurückgeschnittener Grundrechte gewesen. Ein kurzer Zwischenstopp bei der US-eigenen Anthraxproduktion bereitet die wieder in der großen Auslassung bestehende Insinuation vor, es sei doch auffällig, dass die beiden gegen die geplante Antiterrorgesetzgebung votierungsbereiten US-Senatoren, an deren Büros 2001 Anthrax-Briefe gegangen waren, danach doch dafür gestimmt hätten, wobei so getan wird, als seien die beiden Senatoren das Zünglein an der Waage gewesen, was dem Abstimmungsergebnis nicht im mindestens entsprach (Quelle: https://www.senate.gov/legislative/LIS/roll_call_lists/roll_call_vote_cfm.cfm?congress=107&session=1&vote=00313).

Schreyer dokumentiert hernach, wie nach und nach die Szenarien der Bedrohung durch biologische Kriegsführung durch gewissermaßen quellenneutrale Epi- und Pandemien abgelöst werden. So weit, so gut, so mimiklos von Schreyer vorgetragen. Verschwiegen wird, dass auf der unteren exekutiven Ebene (sprich bei Polizei, Feuerwehr, Seuchenschutz, Bombenentschärfern usw. usf.) solche Übungen zur Eindämmung nicht nur größerer Gefahren- und Schadenslagen seit jeher gefahren werden, denn: Handeln will gelernt und unter Stress abrufbar sein, das Ganze nennt man Ausbildung. Dass es das Ganze auch auf höherer administrativer Ebene gibt und geben muss und geben sollte, liegt auf der Hand. Dass solche Übungen nicht nur in den USA durchgeführt werden, sondern auch beispielsweise in der BRD, zum Beispiel 2007 (https://www.youtube.com/watch?v=omFwHCJjGRA), wird auch nicht erwähnt. Auch bei der Darstellung der Übungsteilnehmer verzieht Schreyer keine Miene: Spitzen aus Politik (u.a. mimte in einer dieser Übungen Madeleine Albright die US-Präsidentin), Gesundheitsorganisationen, Pharmakonzernen, Presse usw. Ja, eiderdaus! Nicht Erzieherinnen und Müllwerker, Scharf- und Sportschützen und Malermeister dürfen ihre Expertise einbringen, sondern nur die, die auch im Ernstfall etwas zu entscheiden oder beizutragen hätten? Funktionseliten-Bashing durch goldenes Schweigen, eine rhetorische Meisterleistung, das muss man anerkennen. Da passt es ins Bild, dass in späteren Jahren die Übungen (nicht eben wenig tendenziös „Planspiele“ geheißen) auch noch international besetzt wurden – da sollte wohl internationaler Gleichschritt hergestellt werden! Zum Beweis für diese Teleologie wird – logisch, da die internationale Think-Tank-Elite denkeinig ist – von Schreyer nun ein Franzose aus dem Hut gezaubert, Jacques Attali, Wirtschaftswissenschaftler, Politiker hauptsächlich in der Mitterand-Ära und kulturphilosophischer Essayist. Aus seinem rund 500 Wörter umfassenden Artikel anlässlich der Schweinegrippe 2009, „Changer, par précaution“ (https://blogs.lexpress.fr/attali/2009/05/03/changer_par_precaution/), pflückt sich Schreyer die google-übersetzten Sätze heraus: „Die Geschichte lehrt uns, dass sich die Menschheit nur dann signifikant weiterentwickelt, wenn sie wirklich Angst hat (…) Die beginnende Pandemie könnte eine dieser strukturierenden Ängste auslösen. (…) Denn werden wir viel schneller, als es allein aus wirtschaftlichen Gründen möglich gewesen wäre, die Grundlagen für eine echte Weltregierung schaffen können.“ Das ganze moderiert Schreyer dann mit den eingangs schon zitierten Worten ab: „Ich will’s gar nicht weiter kommentieren, das sind einfach seine Aussagen aus dieser Zeit, ich find das sehr bemerkenswert. In der Regel werden solche Aussagen ja mit dem Rubrum ‚Verschwörungstheorie‘ bezeichnet, aber das ist real, das ist eine reale Aussage von einem Mann, der großen Einfluss hat.“ Erstens insinuiert Schreyer, dass Attali auf heutige, global agierende Exekutiveliten Einfluss habe (was zu beweisen wäre), und zweitens lässt er wieder beredt schweigend weg, dass es sich dabei um ein eher politikphilosophisches (im Gesamtwerk Attalis vollkommen untergehendes und heute, wenn nicht von vornherein, vergessenes) Textchen handelt, in dem Attali eher in der Tradition von Kants „Zum ewigen Frieden“ unter dem Gesichtspunkt eigennützigen Altruismus über die praktischen Erfordernisse einer gerechten Verteilung von Medikamenten im Falle einer schweren Pandemie referiert: „une pandémie majeure fera  alors  surgir,  mieux qu’aucun discours humanitaire ou écologique,   la prise de conscience de  la nécessité  d’un  altruisme, au moins intéressé. Et,  même si, comme il  faut  évidemment l’espérer, cette crise n’est  très  grave, il ne faudra pas oublier, comme pour la crise économique, d’en tirer les leçons,   pour qu’avant la prochaine, inévitable, on mette en place des mécanismes de prévention et de contrôle et des processus logistiques de  distribution équitable des médicaments et de vaccins.  On devra  pour cela mettre en place une police mondiale, un stockage mondial et donc  une fiscalité mondiale.“

Aber diese Kontextualisierung würde die Kontinuität der Schreyerschen Darstellung unterbrechen, die sich nun in der nicht weniger selektiven Darstellung des „Lock step“-Szenarios aus der Studie „Scenarios for the Future of Technology and International Development“ der, so Schreyer, „mächtigen“ Rockefeller Foundation aus dem Jahre 2010 ergeht. Der 54 Seiten dicke „report“ (https://www.nommeraadio.ee/meedia/pdf/RRS/Rockefeller%20Foundation.pdf) wird kurzerhand darauf reduziert, neben drei weiteren, von Schreyer auch nicht mit einem Worte nur angerissenen Szenarien, das sogenannte „Lock step“-Szenario zu beinhalten, und das wird so zusammengefasst: „Influenzapandemie führt zu globaler Panik; China wird zum Vorbild; Maskenpflicht überall; autoritäre Kontrolle auch nach dem Ende der Pandemie; Bürger geben bereitwillig ihre Freiheit auf; breiter Widerstand erst nach über zehn Jahren“. „Ziel der Studie“ sei es, „eine neue strategische Debatte unter Entscheidungsträgern auszulösen“. Dass die Originalpassage zu der letzten Behauptung „it [die Studie] will seed a new strategic conversation among the key public, private, and philanthropic stakeholders about technology and development at the policy, program, and human levels“ lautet und in der Übersetzung die auch nicht-marktlichen Anspruchs- oder Erwartungsträger zu Entscheidungsträgern gemorpht werden, sei geschenkt, ebenso, dass die strategische Debatte nicht das erklärte Ziel der Studie, sondern – wenn auch im Brustton des Futur I – die Hoffnung des Einleitungsschreibers ist. Dass China in diesem Szenario (nicht etwa „zum Vorbild“ wird, sondern lediglich) erfolgreicher in der Eindämmung der Epidemie ist, liegt an der Rahmenwahl für dieses Szenario. Es spielt in einer „world of tighter top-down government control and more authoritarian leadership, with limited innovation and growing citizen pushback“. Die anderen drei Szenarien spielen in anderen Settings, insbesondere das Szenario „Clever together“, das in einer „ world in which highly coordinated and successful strategies emerge for addressing both urgent and entrenched worldwide issues“ angesiedelt ist und mit der globalen Erwärmung umzugehen hat. Die Herausforderungen sind natürlich austauschbar in den Settings; das scheint nicht verstanden worden zu sein oder nicht dargestellt zu werden wollen, ebenso wenig wie die jeweiligen Erörterungen nach den Szenarien, was die Rolle von Technologie und was die Rolle von organisierter Philanthropie in den jeweiligen Szenarien sein könnte. Schreyer geht es aber darum, dem Zuschauer die „Erkenntnis“ dämmern zu lassen, dass all diese angeblich gleichgerichteten Planspiele und Szenarien den internationalen Funktionseliten lediglich das ach so autoritäre Besteck liefern sollten, mit dem „wir“ „jetzt“ konfrontiert sind, und deren Bestandteil der Grundrechtsbeeinträchtigung (oder wie Schreyer es ausdrückt: „Aufhebung von Grundrechten“) „logisch nicht unbedingt notwendig“ sei; „wenn Sie eine Pandemie oder einen Terroranschlag, die Reaktion darauf proben, müssen Sie nicht automatisch auch eine Aufhebung von Grundrechten proben, das ist da nicht automatisch mit dabei; es wurde aber so gemacht, so dass sich einem Beobachter der Eindruck aufdrängen kann, dass diese ganzen Übungen vielleicht auch eine Tarnung gewesen sind, um einmal einen politischen Ausnahmezustand schon mal testen zu können und schon mal durchspielen zu können, wie man dann eigentlich agiert, wenn so was passiert.“

Zunächst einmal wird hier der Übungscharakter vorsätzlich verkannt. In einem worst-case-Szenario kann man durchaus durchspielen, was von der Öffentlichkeit und von der Judikative zu erwarten ist, wenn man als geeignet, erforderlich und angemessen angenommene Maßnahmen durchsetzen muss und was dabei z.b. die Rollen von Medien, NGOs und Industrien sind. Dass es in Planspiel und Realität auch bei der mildesten Form zu Grundrechtseinschränkungen kommt (sowie die Straßenverkehrsordnung voller Einschränkungen der allgemeinen Handlungsfreiheit ist), ist verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden. Dass das nicht jedem schmeckt (im Planspiel wie in der Realität), zur Debatte steht und auch anfechtbar ist, ist in einer pluralistischen Gesellschaft auch klar; der Rechtsweg steht offen.

Sodann: Dass man etwas so probt, heißt nicht, dass man es auch so macht, wenn es so weit ist. Schreyer geht überhaupt nicht darauf ein, dass ausgerechnet die Regierung der USA, in denen die Planspiele all die Jahre so prominent besetzt waren und mit Szenarien der durch die Straßen patrouillierenden Armee gespielt wurde, wie Schreyer zeigt, letztlich bei der Pandemieakzeptanz und -bekämpfung so rauschend versagt haben und eben überhaupt nicht autoritär agiert haben. Man kann ja nur zu dem leider von Schreyer überhaupt nicht gezogenen Schluss kommen, dass all diese Übungen für die Katz waren, wenn es dem Präsidenten gefällt, der Bevölkerung lieber das Gurgeln mit Bleiche anzuempfehlen. Aber man ahnt es, Schreyer will eher die bundesdeutschen Verhältnisse als jene mit „aufgehobenen Grundrechten“ anprangern, und… ja, und was eigentlich? Politische Entscheidungs- und Verhaltensalternativen fehlen nolens volens. Aufklärung im Wappen, bloße Provokation und Skandalisierung in der Flinte. Und die Provokation geht mit der Durch-Nebeneinanderstellen-von-Informationen-Argumentation natürlich vollends auf, wenn man den als Denkhilfe getarnten Tenor des Ganzen in der Videobeschreibung in die erste von zwei krönenden rhetorischen Schlussfragen gießt: „Ist das Virus nur ein Vorwand für eine länger geplante weltweite Umgestaltung?“

Und da haben wir es also: Beziehungslose Fakten werden so arrangiert, dass der Eindruck entsteht, dass eine von wem auch immer gesteuerte globale Elite nicht etwa expertisengestützt den Ernstfall probt, sondern eine globale „Umgestaltung“ schon lange geplant hat, und, regierungsperiodenunabhängig, partei-, grenzen- und ideologieübergreifend nur auf die Pandemie gewartet hat, um endlich losschlagen zu können. [Dass diese geheimnisvolle Elite notwendiger Weise die ganz und gar geheimnislose Jetzt-schon-Elite des Kapitals nur sein könnte – wer anders hätte die Mittel und Druckmittel – und dass just diese Elite aber überhaupt kein Interesse an der Unterbrechung von Lieferketten, der Verbauung von Absatzmärkten, der Konsumeinschränkung und was der Pandemiefolgen mehr sind, kurzum: überhaupt kein Interesse an der Veränderung der Verhältnisse hat, bilden diese doch schon das denkbar schweinischste Schweinesystem zu ihrem Nutzen und Frommen, das wagt Schreyer nicht auszusprechen; das wäre ja schnöder, eindimensionaler Anti-Kapitalismus, wo käme man da hin, wenn man sich dem unintellektuell ergäbe. Wahrscheinlich in einen Brecht-Liederabend.]

Doch halt! Nein, der globale Lockdown ist ja noch anders begründbar: „Bevor ich Ihnen etwas über die letzte Übung Event 201 erzähle im Oktober 2019, möchte ich nochmal ein ganz anderes Fass aufmachen, weil ich denke, dass es in diesen Kontext gehört, in den Kontext, sich die Frage zu stellen: Warum begann diese ganze Corona-Pandemie im Januar 2020? Man kann natürlich sagen, naja, da tauchte das Virus halt auf, wenn wir in der offiziellen Erklärung bleiben, und dann nahm das eben seinen Lauf, das ist eben schicksalhaft so passiert. Wenn man jetzt unterstellt, dass das nicht so schicksalhaft passiert ist, sondern von einigen Kreisen gelenkt worden ist, als Gedankenspiel“ –

da ist es also doch mit ihm durchgegangen, der basso continuo aller Verschwörungstheorien brach sich durch das Gehege seiner Zähne Bahn: die lenkenden Kreise (auch wenn syntaktisch und damit gewollt oder ungewollt logisch etwas unklar bleibt: Ist’s das Gedankenspiel einiger Kreise, das das Auftauchen des Virus gelenkt hat und also als nicht ganz so schicksalhaft erscheinen lässt, oder ist’s nur ein Gedankenspiel Schreyers und damit halt nur so ne Idee, dass einige Kreise das Auftauchen des Virus gelenkt haben…) – ,

„dann ist es vielleicht nicht uninteressant, sich klarzumachen, was im September 2019 passiert ist, da hat sich nämlich ein sehr großes Beben an den Börsen ereignet. […] Im September 2019 ist irgendwas passiert, ich weiß nicht was, ich kann’s Ihnen nicht sagen“, wiewohl der Zeit-Artikel, der Schreyer als Grundlage für sein Raunen dient (https://www.zeit.de/2019/41/us-notenbank-zinssatz-repo-markt-finanzsystem), darauf mehrere Antworten hat, aber das passt eben überhaupt nicht zum durch keinerlei Beweis angekränkelten Schreyerschen Schlussknüller aus der Videobeschreibung: „Und war ein schweres Börsenbeben im September 2019 vielleicht der eigentliche Auslöser für den globalen Lockdown?“ Da ist der ewig gleiche cantus firmus zum obgenannten basso continuo: Es gibt keine Zufälle, alles geschieht in einem logischen Kontinuum, da ja alles gelenkt ist.

Schreyer sieht übrigens aus wie Stromberg. Ich will’s gar nicht weiter kommentieren, aber ich find das sehr bemerkenswert.

Ferdls Feinde

Die ARD hat sich was Sensationalistisches einfallen lassen. Zeitgleich bei ihr und ihren Dritten liefen zwei Filme nach einer Drehbuchvorlage von Ferdl von Schirach, „Feinde: Gegen die Zeit“ und „Feinde: Das Geständnis“, vorgeblich zwei Blickwinkel auf einen Fall, denn, so darf der Ferdl in einer nachgeschalteten Dokumentation raunen, nur die Kenntnis beider Seiten lasse die Wahrheit erkennen. Die Gleichzeitigkeit der Sendung ergibt gerade dann zwar keinen Sinn, aber sei’s drum. Es haben ohnehin alle 120 Millionen Zuschauer entweder in der ARD selbst oder via Mediathek beide Teile gesehen, und leider spielt auch die Reihenfolge der Rezeption überhaupt keine Geige, da nicht etwa in einem Teil enthüllt wird, was im anderen verschwiegen bleibt.

Drei Versagenskomplexe, die beide Filme ganz unerträglich machen, seien hier behandelt:

1. Darstellung der Polizeiarbeit und die dargestellte Polizeitaktik

Das ist keine Korinthenkackerei, wenn hier die Darstellung der Polizeiarbeit bemäkelt wird, sondern dadurch fundamentale Kritik der dramaturgischen Logik. Dass in deutschen Krimis seit jeher ein Zweierteam Mordfälle löst, mehr durch Intuition als durch Ermittlung, dass Vernehmungen ohne Belehrung in mündlicher Form vorgenommen werden: geschenkt. Aber Ferdl, laut Dokumentation „inspiriert“ vom Fall Jakob von Metzler bzw. Daschner, will ja, als Relevanzdichter, die ganz großen ethischen Dilemmata auf die Röhren, die die Welt bedeuten, bringen, und da ist die Wahl unrealistischer Settings verhehrend. (Ich greif jetzt immer den Ferdl an, wiewohl ich gar nicht weiß, in welchem Verhältnis Drehbuch und Drehbuchvorlage zueinander stehen. Ein eigener Versagenskomplex. Man möge mich an der entsprechenden Stelle dafür abwatschen.)

Nach Kenntnis von der Entführung (juristisch: Erpresserischer Menschenraub, § 239a StGB) wird nicht etwa der bundesweit übliche Rahmen einer BAO (Besondere Aufbauorganisation) mit standardmäßigen Einsatzabschnitten, Verantwortlichen und Hierarchien unter der Führung mindestens eines Beamten des höheren Dienstes gebildet, sondern eine „Sonderkommission“ zusammengetrommelt, in der sich alle siezen und deren Leiter offenkundig im gehobenen Dienst ist (der Verteidiger nennt ihn, nicht eben wenig überheblich, „Herr Kommissar“). Ob BAO oder Sonderkommission, bei erpresserischem Menschenraub kommt es stets zur Kollision von Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Die Ermittlungen dienen im günstigsten Falle zwar beiden Aufgabenerfüllungen, aber im Zweifelsfall hat die Gefahrenabwehr Vorrang und bestimmt die Polizeitaktik. Die rasch als ausgeschöpft dargestellten Ermittlungsansätze können noch als realistisch gelten, was aber dann kommt, ist eine Bankrotterklärung gefahrenabwehrender Taktik. Rund sieben Stunden nach der Entführung überweisen die Eltern den geforderten Betrag, nach Angaben des IT-Nerds der Behörde braucht der Betrag ungefähr einen Tag, um beim Entführer als in Bitcoins verifiziert anzukommen. Etwa zeitgleich fällt dem „Kommissar“ die Bewerbungsmappe eines Sicherheitsdienstmitarbeiters in die Hände. Ein kurzer Blick in die Mappe, ein kurzer Blick auf die Kollegin, und folgender Text wird aufgesagt: Kommissar: „Das könnter sein. Was hamwer über den?“ – Kollegin: „Aktenkundig isser nicht.“ – Kommissar: „Wurde er schon befragt?“ – Kollegin: „Wir haben ihn noch nicht erreicht.“ – Kommissar: „Ich besorg einen Durchsuchungsbeschluss.“ What?! Zunächst einmal würde kein Richter einen Durchsuchungsbeschluss bei dieser „Verdachtslage“ ausfertigen. Und polizeitaktisch hätte man, nachdem man das Umfeld des Tatverdächtigen verdeckt abgeklopft hätte, natürlich unbedingt gewartet, bis das Lösegeld mutmaßlich bei ihm angekommen ist. Man hätte ihn observiert, um ggflls. von ihm zum Unterbringungsort der Entführten geführt zu werden. Das ist gefahrenabwehrend klüger und auch strafverfolgend sehr viel belastbarer. Bei erpresserischem Menschenraub gibt es stets drei Szenarien: Das Entführungsopfer ist bereits tot, es wird bewacht und versorgt oder es ist irgendwo allein. Allein das letzte Szenario führt wegen der Gefahr des Verdurstens, Verhungerns oder Erfrierens zu zeitlichem Druck. Dass dieses letzte Szenario im Film für die Ermittler das wahrscheinlichste ist, wird durch nichts erhärtet, allerdings jedoch durch die Festnahme (Ingewahrsamnahme? Haftbefehl? Richtervorbehalt? Kein Wort davon.) des Tatverdächtigen realiter am wahrscheinlichsten. Die zeitliche Dringlichkeit wird also überhaupt erst durch schwachsinniges Polizeihandeln hergestellt, denn dass ein Tatverdächtiger schweigt oder doch zumindest sich erst einmal eines Anwalts versichert (über das Recht dazu müsste man freilich erstmal belehrt werden, was zu keinem Zeitpunkt gezeigt wird) und dadurch Zeit vergeht, ist erwartbar. Hier hätte der Ferdl sich vielleicht einfach an die Realität seiner Inspirationsquelle halten sollen. Dort entstand der zeitliche Druck aufgrund des Verhaltens des durch Observation ermittelten Täters nach der Lösegeldübergabe; er machte nachweislich keinerlei Anstalten, sich zu seinem Entführungsopfer zu begeben, sondern wollte sich ins Ausland absetzen, und damit wurde wahrscheinlicher, dass sein Opfer entweder schon tot war oder seinem Verschmachten überlassen werden sollte. Beim Ferdl übersetzt sich hingegen die Spannung, die der Zuschauer aus seinem Wissensvorsprung gewinnt (durch einen unglücklichen Umstand droht das Entführungsopfer an einer Kohlenmonoxidvergiftung zu sterben), in den plötzlichen zeitlichen Druck für den „Kommissar“; das taktisch sinnlose Festsetzen (anders lässt sich dieses im rechtsfreien Raum statthabende Festhalten nicht bezeichnen) des Tatverdächtigen setzt erst das ethische Dilemma in Gang. Reichlich bescheuert, um mal eine altbackene Injurie zu benutzen.

Aber selbst für den Fall, man bejahte das Festsetzen des Tatverdächtigen (der diese Bezeichnung juristisch gar nicht verdient): Von Vernehmungstaktik scheint der „Kommissar“ auch noch nichts vernommen (höhö) zu haben. Nach zwei Minuten nervenzerfetzenden Psychokriegs (entwaffnendes Lächeln, väterliche Masche, Appell an das VerantwortungFsgefühl des von ihm Verdächtigten, raffinierter Angriff auf dessen Narzissmus: „Wollen Sie mehr sein, als Sie sind?“) bricht es aus ihm heraus: „Ich bin zu lange in dem Beruf, ich weiß, dass Sie’s waren.“ Und stürmt raus. Phänomenal. Im Dialog mit der Kollegin remonstriert diese auf sein „Er geht in Gewahrsam, weil er’s getan hat“ mit „Das können Sie nicht wissen, wir haben nichts gegen ihn in der Hand“, worauf er: „Ja, aber wir müssen jetzt handeln, morgen ist es vielleicht zu spät“ (ein Satz, der übrigens auch nicht funktioniert, wenn man versucht, jemanden ins Bett zu kriegen, aber das nur am Rande). Zwanzig Sekunden später steht sein Entschluss fest, dass dem von ihm Verdächtigten nur mit Folter beizukommen ist. Dafür wird er zwar von der Kollegin für verrückt erklärt, aber das war’s auch.

In der Folge kommt es zu weiteren Groteskerien, die in der Verwaltungsrealität so nie passieren können, institutionell nicht, rechtlich nicht, faktisch nicht: Der Verdächtigte wird ins Polizeigewahrsam gesteckt, offenkundig ohne einen Richter kontaktiert zu haben. Selbst wenn das in der Allmachtsphantasie eines Polizisten noch möglich ist, ist ein solcher Alleingang angesichts einer Gewahrsamsordnung, entsprechender Schriftverkehrserfordernisse und viel zu vieler beteiligter Beamter, die allesamt Angst um ihren Arsch und vor allem um ihre Pension haben, äußerst unwahrscheinlich. Der Alleingang erledigt sich spätestens in dem Moment vollends, in dem er sich „Rückendeckung bei der Präsidentin“ für seine Folterabsicht zu holen versucht, und zwar in einem schriftlichen (!) Antrag. Spätestens in dem Moment weiß mindestens eine hochstehende Beamtin von einem rechtswidrig im Polizeigewahrsam festgesetzten Menschen und von einem rechtsstaatlich indiskutablen Vorhaben des antragstellenden Polizisten. Eine Präsidentin, die nicht ihren Ascot-Hut nehmen müssen will, versetzt den Beamten sofort, entbindet ihn von der Ermittlungsarbeit, so nicht disziplinarrechtlich sogar eine Suspendierung geboten ist. Keinesfalls begnügt sie sich mit einer laschen Ablehnung. Der Ferdl insinuiert, dass das ein möglicher und so konsequenzloser Verwaltungsvorgang ist. In der Realität seiner Inspirationsquelle entschloss sich der stellvertretende Polizeipräsident nach stundenlanger, seitens des Täters irreführender und daher ergebnisloser Vernehmung zur Androhung von Gewalt, offenbar ohne nennenswerten Widerstand seiner Untergebenen. Das Versagen der Untergebenen bei ethischer Abirrung des Vorgesetzten in der geschichtlichen Realität ist aber nur scheinbar ein größerer Skandal als das Versagen der Vorgesetzten bei angekündigter ethischer Abirrung des Untergebenen in der Fiktion. Das wird beim Ferdl aber nicht weiter verfolgt, man hatte ja nur drei Stunden Filmzeit.

Nach dem waterboardenden Alleingang des „Kommissars“ geht es dann hopplahopp, ein kurzer Anruf genügt, um ein SEK-Kommando zum Aufenthaltsort des Entführungsopfers zu entsenden, da ist nichts weiteres zu koordinieren, einzuweisen, keine Information über mögliche Mittäter, Bewacher etc. weiterzugeben, nein, während das SEK stürmt, wird der Verdächtigte „auf dem Revier“ vernommen und gesteht die Entführung, was man gottlob nur ohne Tonspur durchs Fenster gezeigt bekommt, sonst müsste ich garantiert weitermeckern. Nach der Konfrontation mit dem Tod des Entführungsopfers, aber nach seinem Geständnis wohlgemerkt, fällt dem Verdächtigten endlich doch noch ein, dass er einen Anwalt wolle. Wäre in der Fiktion – mal abgesehen von der Marginalie des Waterboardings – alles halbwegs ordnungsgemäß gelaufen, hätte der Verdächtigte also Beschuldigtenstatus erhalten und säße er nicht im Polizeigewahrsam, sondern in Untersuchungshaft, hätte er zwangsweise einen Pflichtverteidiger mit Beginn der Untersuchungshaft beigestellt bekommen. Je nun.

Vorhang zu für die Darstellung der Polizeiarbeit, Vorhang zu auch für diesen Sermon.

2. Darstellung des Prozessverlaufs, der gerichtlichen Vernehmung, Nichtdarstellung des weiteren Ermittlungsverfahrens

Bemerkenswert erscheint bereits, dass der Fall in einem Verhandlungstag abgehandelt werden soll und wird. Ansonsten ist die Absurdität der Sprechrollenverteilung in etwa so wie bei einer der Gerichtsshows, die in den Nullerjahren das Privatfernsehen verseucht haben (also eben doch wie in einer Talkshow, in der zu sitzen der Verteidiger vehement bestreitet), nur dass hier nicht die Richterin der rhetorische Star ist, sondern der Verteidiger. Die Sitzungsstaatsanwältin ist dazu da, zweimal den Verteidiger wegen vermeintlicher Stilverstöße anzumeckern, woraufhin dieser zurückmeckert, die Richterin hingegen ist lediglich dekoratives Element.

Natürlich wird, da inszenatorisch uninteressant und langwierig, nicht der Rest des Ermittlungsverfahrens und auch nicht das Zwischenverfahren gezeigt, was dazu führt, dass so getan wird, als habe es mit dem Geständnis eines Tatverdächtigen sein Bewenden und als versuche man polizeilich nicht, die Angaben doch noch zusätzlich durch Sachbeweise zu untermauern (insbesondere, wenn man als „Kommissar“ vielleicht die Angst haben muss, dass das eigene Foltern auffliegt und damit ganz vielleicht in Beweisverwertungsverbot droht). Diese inszenatorische Verkürzung führt zu schweren Brüchen in der Verfahrenslogik, die dann auch im dramaturgischen Höhepunkt oder auch dem theatralischen Klimaxgipfel, der „Prozess“ titulierten Verhandlung, übel aufstoßen. Jedenfalls scheinen Richterin und Staatsanwaltschaft so überrumpelt von den Enthüllungen des Verteidigers wie das Publikum, gerade so, als hätten sie nicht ebenso wie der Verteidiger den Wissensvorsprung der mindestens zwölfbändigen Ermittlungsakte gegenüber dem Publikum gehabt. So wird nicht nur das Publikum schockiert, sondern auch die übrigen Prozessbeteiligten blamiert, insbesondere die Staatsanwältin, denn offenbar hat sie die Akte nicht gelesen, und falls doch, die Abgründe und Fallstricke des Ermittlungsgangs nicht bemerkt. Böswillig könnte man auch feststellen, dass das Drehbuch, aus welcher Motivation heraus auch immer, dem alten weißen Mann in Gestalt des Verteidigers die größere interpretatorische Intelligenz gegenüber der Frau mit Migrationshintergrund in Person der Staatsanwältin zubilligt. Die Rollen hätten genauso gut andersherum besetzt werden können.

Mehr als unglücklich ist, dass nach der Enthüllung der Folter durch den Verteidiger nicht sofort die Verhandlung unterbrochen wird, sondern der Film, dem hehren Ziel des Ferdls folgend (s. 3.), natürlich noch den ethischen Exkurs unterbringen muss, und das nicht etwa in der denknotwendig nachträglich stattzufinden habenden Verhandlung gegen den „Kommissar“, wo er rechtstechnisch hingehört hätte, sondern noch in der Vernehmung des anschließend von der Richterin „mit Dank“ entlassenen Zeugen, d.h. im Zwiegespräch zwischen dem Verteidiger und dem „Kommissar“. So brillant die kühle anwaltliche Vernichtung des polizeilichen Tatverdachts gegen den Angeklagten tatsächlich gespielt und gefilmt ist (das einzige Lob, das ich zu spenden habe, seien Sie dessen versichert), sie kippt in dem Moment in die Vernichtung der Strafprozessordnung, in dem der Verteidiger den Noch-Zeugen dazu bringt, über seiner Meinung nach generell zulässige Ausnahmefälle für die „Rettungsfolter“ unter ärztlicher Aufsicht zu dozieren (was im Übrigen Daschner, der sich stets ausschließlich zu seinem Verhalten in seinem Fall geäußert hat, niemals getan hat ). Es geht dramaturgisch nicht nur darum, offenzulegen, was der Polizist getan hat, sondern um die Offenlegung eines archetypischen Volksempfindens, das in dem „Kommissar“ verkörpert wird: Dass es „ein Fehler im Gesetz“ sei, dass man im Rahmen einer Geiselnahme den Geiselnehmer zwar erschießen dürfe, wenn er seinerseits eine Geisel zu erschießen droht, aber ihm keine Folter androhen dürfe, um ein Leben zu retten (und das Verhandlungspublikum, der Chor der griechischen Tragödie also, applaudiert auch nolens volens). Das ist natürlich juristisch Quatsch, und ein juristisch immerhin halbgebildeter Polizist würde auch diesen schiefen Vergleich nicht goutieren, geht es doch beim finalen Rettungsschuss um Notwehr angesichts eines gegenwärtigen rechtswidrigen Angriffs, bei dem der Angreifer unstrittig Täter, wenn auch nicht notwendiger Weise schuldhaft handelnd, ist. Bei der hier in Rede stehenden Folter zur Erlangung einer Information sind die zum Objekt degradierten Menschen immer nur Tatverdächtige (selbst wenn sie geständig sind), und hier sind dem Ermittlungs- und Bauchgefühlsirrtum und damit der Willkür Tür und Tor geöffnet. So richtet sich die Belehrung des Verteidigers über die Geschichte des Folterverbots und seinen Absolutheitsanspruch auch nicht an den Kommissar, der das ja „weiß“, sondern durch die vierte Wand direkt ans Publikum. Dramaturgisch gewünscht und daher seltsam erzwungen, und das führt uns zum dritten Versagenskomplex.

3. Das angebliche aufklärerische Ziel kann nicht erreicht werden und wird folgerichtig nicht erreicht

Wer sich im linearen Fernsehen die Filme in der ARD angeschaut hat, wurde noch mit einer zwischengeschalteten „Dokumentation“ malträtiert, die angefeaturet wurde mit weiblicher Stimme aus dem Off: „Persönliches Gerechtigkeitsgefühl oder geltendes Recht? Das ist das Kernthema des Projekts ‚Feinde‘“. Der Ferdl sei „inspiriert“ worden vom Fall Jakob von Metzler. Ich würde sagen: Er hat abgeschrieben (wobei in der Fiktion die Realität des Falls und die Rechtsprechung dazu nicht bekannt zu sein scheinen – so wie in Bruce-Willis-Filmen der Schauspieler Bruce Willis völlig unbekannt ist) und versucht, die in Minute 2 der „Dokumentation“ von ihm in die Kamera salbaderte Botschaft „Unsere persönlichen moralischen Vorstellungen dürften nicht zum Gesetz werden, sondern das oberste Prinzip muss immer sein, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt“ ins juristische Laienvolk zu pflanzen. Leider schießen die diametral entgegengesetzten dramaturgischen Idiotien diesem angeblichen Ziel ins Knie, aber nicht final rettend. Die beiden Filme sind trotz der humanistisch schillernden flammenden Belehrungsrede des Verteidigers inszenatorisch nicht dazu geeignet, die Handlung des Polizisten als so verwerflich und niemals gesellschafts- und mehrheitsfähig darzustellen, wie sie es verdient. Der „Kommissar“, von Bjarne Mädel zeitweilig wahrscheinlich unfreiwillig wie sein Dietmar Schaeffer aus „Mord mit Aussicht“ angelegt, ist zu sympathisch, zu beseelt vom Wunsch, das „Gute“ zu tun (als Antipode zum von ihm zu Beginn des Films diagnostizierten „Bösen“ in der Welt), als dass man ihn nüchtern als den Straftäter betrachten könnte, der er ist (und dessen Aburteilung nicht mehr gezeigt wird), wohingegen der Verdächtigte und am Ende ja doch trotz Beweismangels für das Zuschauerempfinden irgendwie Überführte (da verpufft dann die juristisch und kriminalistisch einwandfreie Conclusio des Verteidigers fürs Publikum ungehört, dass es tatsächlich keine Beweise für eine Tatbeteiligung des Angeklagten gibt und er die Informationen, die letztlich im Geständnis landeten – das wir leider nicht zu hören oder lesen bekommen – , auch von Dritten erfahren habe können) schwer unsympathisch und empathiegestört wirkt. Wen juckt’s da noch, dass, wenn er es tatsächlich war, er eigentlich alles für das beschädigungsfreie Überleben der Entführten getan hat, er also gerade kein Magnus Gäfgen ist (die Anklage im Film lautet übrigens auf Erpresserischen Menschenraub mit wenigstens leichtfertig verursachtem Tod des Opfers, was wohl strittig sein dürfte). Und wenn das Drehbuch sich auch noch zu der Volte hinreißen lässt, den – ganz wie in natura – selbstverliebten, überheblich-väterlichen Verteidiger nach seiner Belehrung des Publikums über die Unverbrüchlichkeit des Folterverbots dem „Kommissar“ auf dessen Frage „Was wäre denn gewesen, wenn ich Lisas Leben hätte retten können?“ nicht antworten zu lassen „Darauf kommt es nicht an“, sondern „Wenn Sie Lisa geretten hätten, wären Sie für mich ein Held […], ich würde Sie bewundern, weil Sie ihre Zukunft für das Leben des Mädchens geopfert haben“, dann verschleiert sich der gewünschte Tenor vollends, denn für das Folterverbot ist der gefahrenabwehrende „Erfolg“ eben wie der vermeintlich hehre Zweck gänzlich unbeachtlich, und dass der Jurist, der gerade dies zu konstatieren versäumt hat, dem Täter doch seine Bewunderung ausspricht, allerdings nur erfolgsabhängig, ist menschlich und dramaturgisch nicht nachvollziehbar. Natürlich hat das Drehbuch noch einen irren Widerspruch auf diesen Widerspruch parat. Der „Kommissar“ fragt den Verteidiger: „Aber was, wenn ich keine Antworten bekomme?“, und der Verteidiger antwortet: „Dann bekommen Sie eben keine. So einfach ist das.“ Dass es aber doch nicht so einfach sei, behaupten die Filme in den restlichen 179 Minuten.

Und so lenkt der Ferdl denn doch das Publikum in den üblichen TED-Populismus, wenn er lobt, wie in den Filmen einerseits die Konflikte des Polizisten, andererseits die des Verteidigers gezeigt würden, und dazu aufruft, beide „Seiten“ zur Erkundung der „Wahrheit“ anzuschauen. Man darf fragen, warum zum Teufel man dann nicht einen Film gedreht hat, in dem beide „Konflikte“ dargestellt werden, aber doch eigentlich nur die beiden Protagonisten, denn keiner befindet sich in einem Konflikt. Der „Kommissar“ ist bis zuletzt davon überzeugt, das Richtige und Notwendige getan zu haben (insofern analog zu Wolfgang Daschner), der Verteidiger rückt letztlich nicht von seiner Rechtsstaatstreue ab.

Es gibt also keine intrapersonellen Konflikte, sondern lediglich die wirklich unüberbrückbare Kluft zwischen der nüchternen strafrechtlichen und strafprozessualen Betrachtung des Folterns oder seiner Androhung ex post und der unter der subjektiven Verantwortung getroffen Entscheidung in der Situation, die sich in ihrer Einmaligkeit und Intensität nie reproduzieren lässt. Die sich da entscheiden, sind nie die, die später darüber urteilen, und die, die darüber urteilen, sind nie die, die in eine solche Situation kommen können. Das ist gut so und nennt sich Gewaltenteilung. (Und in der Realität des Daschner-Falls hat nicht Daschner über die Legalisierung von Folter sinniert, sondern – neben der plebs – die Elfenbeinturmbewohner, die weder der Exekutive noch der Judikative angehören und daher schlimmstenfalls als „streitbare Intellektuelle“ gelten.) Aber auch bei der Andeutung dieser Kluft scheitern die Filme wie gezeigt, da die fiktive Polizeitaktik ödipal erst die Drucksituation herbeiführt, die sie beseitigen zu wollen vorgibt, und eine Aufarbeitung im Verfahren gegen den „Kommissar“ gar nicht gezeigt wird.

Der Ferdl darf auch noch verlogen über den Daschner-Fall blöken, dass er sich „einfach nicht vorstellen [konnte], dass in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2002 überhaupt eine solche Diskussion stattfinden kann“, gemeint ist die Diskussion über eine Legalisierung der Folter in Ausnahmefällen, „und ich war empört darüber und dachte schon damals: Eigentlich muss man diese Geschichte einmal anders erzählen, und ich bin dankbar, dass ich das tun durfte.“ Nur hat er’s nicht gemacht! Stattdessen kommen in der nämlichen „Dokumentation“ noch Opferfamilien zu Wort, die von „Auge um Auge“ sprechen und natürlich eine Lanze für das Verhalten des „Kommissars“ brechen. Garniert werden diese irren Widersprüche auch noch durch eine Abstimmung eines Testpublikums über die vollends sinnfreie und tendenziös gestellte Frage, ob das Urteil, nämlich der Freispruch des Angeklagten Entführers wegen Beweisverwertungsverbots seines Geständnisses, „gerecht“ sei (das Ergebnis wird nicht gespoilert) und die Reaktionen des Publikums in den sozialen Netzwerken. Hier Kostproben: „Ich halte die Folter in diesem Falle für absolut richtig. Bei mir würde es ohnehin ganz andere Strafen geben.“ – „Wo bleibt der Opferschutz“ – „Frage an Ferdinand von Schirach: Darf ich auch dann nicht zur Folter greifen wenn nur durch diese Folterung die Zerstörung der gesamten Welt und Menschheit verhindert werden kann? Z.B. Jemand der eine gigantische Atombombe zünden will und den Entschärfungscode nicht herausrückt?“ – „Der gezeigte Fall war einseitig konstruiert. […] Interessanter als das gezeigte konstruierte Delikt ist der bisher größte Fall einer Verletzung des Rechtsstaates in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland durch die Merkelsche Grenzöffnung für Millionen Migranten […].“ – „Es muss in Dt. viele, sich widersprechende Gesetze geben, damit Anwälte viel Geld verdienen! Weiter so!“ – „Darf ein Anwalt wissentlich die Rechtsprechung hindern? Nach unserem Empfinden geht es hier um Strafvereitelung.“ – „Wie konnte Herr Nadler sicher sein, den Täter vor sich zu haben? Er nannte ein Grinsen. Und wirklich: Täter verraten sich durch unkontrollierbare Reaktionen in Mimik, Gestik und Tonfall. Noch gilt das nicht als Beweismittel vor Gericht. Noch nicht! Bald wird es mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) möglich.“ – „Steht die Würde des Täters denn höher als die Würde des Opfers und dessen Familie? Der mögliche Täter kann also die Würde des Opfer [sic!], im schlimmsten Fall bis hin zum Tod missachten?“ und so weiter und so fort. Viele Äußerungen zeigen auch tiefes Unverständnis der Rechtsfolge des Beweisverwertungsverbots, nämlich dass eine rechtswidrig erlangte Information wie als nicht vorhanden und nie getätigt zu werten ist. Tenor: „Ja, aber er hat doch den Aufenthaltsort gesagt, das beweist doch…“ usf. Natürlich ist es schwer zu verstehen, dass etwas, was in der Kohlenstoffwelt eine Folge hat (der Verdächtigte sagt den Aufenthaltsort, die Polizei kann hinfahren), rechtlich keine Folge haben kann. Aber man hätte es erklären können, wenn man gewollt hätte.

Die Erziehung des Publikums ist gescheitert, aus mehreren Gründen: Zuvörderst, weil es einen Grad und eine ästhetische Form der Vereinfachung von komplexen Ethik- und Rechtsfragen gibt, die Aufklärung gar nicht bewirken können, aber Verblödung bewirken, und das ist durch die Filme erreicht. Sodann, weil die Diskussion, die Ferdl in 2002 noch für empörend gehalten hat, von ihm in 2021 wieder als scheinbar offen dargestellt wird: Der Zuschauer soll sich eine Laien-MEINUNG bilden über eine gottlob von Experten lange entschiedene Rechtsfrage, und es wird nur scheinbar widerwillig in Kauf genommen, dass die Erregung sich gegen vermeintlich weltfremde, weil viel zu milde, „ungerechte“ Urteile einer nüchternen technokratischen Elite richtet, denn in wunderbarer Offenheit gibt dann der Sender doch noch in Minute 6 der „Dokumentation“ zu, um was es ihm geht: Um die „starken Emotionen“, die die Themen „Kindesentführung und Folter wecken“, „wie bei…… [spannungsgeladene Pause]…. Jakob von Metzler“, dessen Fall dann mit Fokus auf die Bestialität von Magnus Gäfgen kurz angerissen wird. Eine Katharsis strebt die Darstellung nicht an, und die Publikumsreaktionen zeigen, dass auch der milde Lenkungsversuch des Ferdl ab Minute 22 der „Dokumentation“ nur der Versuch einer Selbstabsolution für den verzapften Bockmist sein kann:

„Es ist gar nicht schlimm, wenn Sie der Ansicht sind, die Folter ist richtig, und es ist auch nicht schlimm, wenn Sie den Strafverteidiger zunächst nicht verstehen und alles, was er sagt, abstoßend finden, aber Sie müssen darüber reden und Sie müssen sehen, dass Ihre persönliche Emotionalität niemals Gesetz werden darf. Nur wenn wir uns zurücklehnen und die Sache mit Abstand betrachten, kann das dazu führen, dass wir sehen, dass der Rechtsstaat besser funktioniert als unsere momentane Wut auf einen Täter, unser Ärger über ihn, unser Rachebedürfnis. Der Rechtsstaat kanalisiert das.“

Na servus. Viel Glück beim Vertrauen in die Revisionsfähigkeit von Meinungen, die durch solche Inszenierungen erst einmal bestärkt  werden. Wie man es besser, ja richtig macht, zeigt das Original, wenn man so will, „Der Fall Jakob von Metzler“ aus dem Jahre 2012, immer mal wieder zu sehen bei youtube. Halbdokumentarisch, keine dräuende Musik, kein Firlefanz, kein „Projekt“, kein „Experiment“, aber auch keine Sympathien für den anordnenden Daschner, dessen Aburteilung auch ihren Raum im Film einnimmt. Und das alles in 90 Minuten, die die 210 Minuten Ferdl absolut unnötig machen.

Es liegt in der Kultur der Sache, dass es für einen Dichter und eine interessierte Öffentlichkeit weitaus stimulierender ist, sich mit solchen, alle Jubeljahre relevant werdenden herausragenden ethischen Fragen immerfort und ad infinitum zu befassen, auch wenn sie juristisch und rechtspolitisch und sogar filmästhetisch geklärt sind. Wo aber ein Werk vom Ferdl zur ganz alltäglichen, täglich tausendfach an gesellschaftlich marginalisierten Individuen begangenen, dilemmafreien, vertuschten, nicht herauskommenden und nicht geahndeten Polizeigewalt bleibt, wird man fragen dürfen. Wahrscheinlich bedürfte es für ihre Relevantmachung eines wahren Dichters.

Die Jugend von heute

„Wir sollten der von Pillemon-Go abhängigen, Duck-und-Hackface-Selfies verspritzenden und sich im Second Screen verlierenden Generation unserer Kinder nicht – wie noch jede Elterngeneration es tat – vorwerfen, dass sie nicht so ist, wie wir als junge Aufbruchgeneration gewesen zu sein vorgeben, sondern mit allen Mitteln zu verhindern versuchen, dass sie so wird wie wir sind: ergeben einer selbstverschuldeten Lähmung, einer Angst vor dem einzig Sinnvollen, nämlich dem Alles-ganz-anders-Machen. Unlösbar bleibt indes das Dilemma, dass die Immer-weiter-so-Machenden die Nachgeborenen zum Alles-ganz-anders-Machen schwerlich erziehen oder anleiten können. So bleibt u“

 

Dies schrob ich vor mehr als drei Jahren. Wie es weitergehen sollte, weiß ich nicht. Spielt auch karól. Heute stehe ich kurz vor meinem 43., gewahr werdend, dass ich in meinem 42., dem Jahr mit der Zahl, die die Antwort auf alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist, keinen Turnaround whatsoever geschafft habe. Da kann man auch über Fußball schreiben, schon wieder. Dass wir dem Umstand, dass 22 Leutchen einem Ball hinterherhetzen und ihn gelegentlich kunstvoll, öfter aber prosaisch und manchmal gar nicht im Verlauf eines Spiels im Tor unterbringen, eine Bedeutung beimessen, ist höchst arbiträr. Ich glaube, wir tun es, da beim Fußball durch die größere Wahrscheinlichkeit, dass ‚der Bessere‘ gewinnt, ein Riss von oben bis unten geht, nämlich der der irgendwie auch Wahrscheinlichkeit benamsten Unwahrscheinlichkeit, dass der Schlechtere gewinnt. In hochscorigen Sportarten wie Basketball und Handball ist es nicht nahezu, sondern vollkommen ausgeschlossen, dass der Schlechtere gewinnt. Das Ergebnis ist unmittelbarer Ausdruck der Über- oder Unterlegenheit oder eben auch der Ebenbürtigkeit der Gegner. Beim Fußball genügt unter Umständen der lucky punch, um ein dann wertloses statistisches Übergewicht des einen in seine ganz und gar tragödische Niederlage kippen zu lassen. Ich glaube, dass Fußball sich deswegen einer so großen und angesichts der objektiven Unattraktivität der meisten der 90 Minuten eines Spiels irrationalen Beliebtheit erfreut, weil Otto Normal sich notorisch auf der Seite der Schlechteren wähnt, auf der Seite derer, die sich mit dem schon vorab irgendeinen Heroismus insinuierenden Begriff ‚underdog‘ schmücken, auf der Seite derer also, die im schlimmsten Fall nur das tun, was ohnehin erwartet wird, nämlich verlieren, und die im besten Falle einen Anteil an etwas erhalten, was bei den alten Griechen die wenigen Aufbegehrer gegen die Götter genießen durften: einen kurzen, aber dank Erinnerungsfähigkeit unsterblichen Triumph, meist mit umso tieferem Fall bezahlt, der die Erinnerung an den Triumph jedoch umso köstlicher macht. Denn die Götter, Max Frisch hat’s schon gesagt, langweilen sich natürlich unendlich in ihrer Unsterblichkeit, i.e. im Kontinuum ihrer ungefährdeten Meisterschaften, verlässlich wiederkehrenden Champions-League-Titel etc. Das unwahrscheinliche Glück, in der bewussten Epoche des eigenen Lebenscirculs vielleicht eine Meisterschaft unter idealerweise erzählträchtigen Bedingungen miterlebt zu haben, ist dagegen der Feuerdiebstahl des Prometheus, der Bengalo in der Hand der echten Menschen. Und vielleicht ist das das Tröstliche für Otto Normal: dass es psychologisch wahrscheinlich ist, dass das Glück in der Erinnerung liegt, und die ist kein Kapitalist. Es reichen kleine Einlagen, den Zins bestimmt man selbst, und die Zukunft ist immer nur die Hoffnung, dass einem künftige Erinnerungen glücklich zufallen mögen, während die Götter immer fürchten müssen, dass die Zukunft schlechter wird als die eigentlich unübertreffliche Gegenwart.

Bregretting politicianhood

Mit nichts hat Helmut Schmidt dem Begriff des Politischen so sehr geschadet wie mit dem Diktum, dass zum Arzt gehen sollte, wer Visionen hat. Diese Aussage gilt heute als Grundweisheit der sogenannten Realpolitik – ein verheerender Begriff, der schon auf der grammatisch-semantischen Ebene zwischen dem Determinatum „Politik“ und dem Determinans „Real“ eine Einschränkung der „Politik“ durch das „Reale“ insinuiert. Dass es „die Realität“ als Widerpart der Vision gibt, namentlich „Sachzwänge“, die ein alternativloses Handeln fordern – das ist ein axiomatischer Glaubensgrundsatz einer politischen Elite, die sich von der Pike auf parteisoldatisch zur lobbykratischen Reaktivität hat erziehen lassen.
So ist der Atomausstieg in Gestalt des 13. Gesetzes zur Änderung des Atomgesetzes vom Juli 2011 nicht aus energie- und umweltpolitischer Weitsicht beschlossen worden, sondern unter dem Eindruck der Erschütterung der politischen Machtverhältnisse in Baden-Württemberg nach Fukushima. Listig hat die Merkelin sich flugs eine grüne Grundsatzposition zu eigen gemacht, auf dass die Macht im Bund nicht ebenso schwinde, stand doch zur Halbzeit der Legislatur der Wahlkampf für die Bundestagswahlen 2013 vor der Tür. Ebenso entsprang die Bankenrettung im Zuge der Finanzkrise ab 2007 nicht volkswirtschaftlichem Kalkül, sondern der Angst, dass der deutsche Sparer und Anleger sich politisch von den Regierungsparteien abwendet, wenn er Verlust macht. Und so wurden die Kosten der Spekulation sozialisiert, während die Gewinne privatisiert bleiben – und die Finanzmärkte sich wie eh und je doll und doller gebärden.
Die von fast allen Parteien gepredigte Alternativlosigkeit des gemeinsam getragenen und damit staatstragenden politischen Handelns ist die Bankrotterklärung nicht nur des demokratischen Systems, sondern des Politischen überhaupt. Politische Entscheidungen hatten nach einem frühen Nachkriegsverständnis nicht die Haftung für Privatirrationalitäten zu übernehmen, sondern ihnen vorzubeugen – ebenso wie nationalen Irrationalitäten. Überhaupt verstand sich Politik durchaus visionär in der Lesart, dass Wunschdenken durchaus leitend sein kann: Der europäische Zusammenschluss ist ohne die Vision eines friedenssicheren Ballungsraums, in dem national Trennendes eine geringere Rolle als das menschlich Verbindende spielt, nicht denkbar.
Dass dieses Leitmotiv an den europäischen Grenzen endet, wurde durch den schachernden Zynismus der Regierungen augenfällig. Dass das Leitmotiv auch innereuropäisch immer mehr in den Hintergrund tritt, muss angesichts des herrischen Umgangs mit Griechenland und dem Wiedererstarken dumpfer Nationalismen allüberall nicht mehr betont werden. Die Vermutung, dass das Ideal einer am Friedenserhalt orientierten Solidargemeinschaft wahrscheinlich sogar zum geschichtlichen Schrott gehört, drängt sich spätestens auf, seit es der monothematischen „Taking-back-control“-Kampagne von Menschen mit Hackfressen und schlimmen Frisuren gelungen ist, dreiste Faktenverdrehung im Brexit münden zu lassen – wohlwissend, dass Menschen eigentlich mit Politik nicht behelligt werden wollen und es gern einfach erklärt haben wollen, zur Not auch entgegen aller frei zugänglichen Fakten.
Der „Taking-back-control“-Gestus wirkte so attraktiv, weil er unter der Renationalisierungsoberfläche suggerierte, hier ergreife eine politische Elite wieder das Steuerrad – Schluss mit dem Reagieren, es hebe an das Regieren. Nur wird es so nicht kommen. Der auch von der britischen Gesellschaft selbstgewählte Primat des Ökonomischen erfordert – Realpolitik eben – die Ökonomiekonformität von Politik, ob nun auf nationaler oder auf europäischer Ebene. Das heißt, dass sich für den hoffnungsfrohen Pro-Brexit-Wähler überhaupt nichts ändert, der Vorrang des Politischen vor dem Ökonomischen zum Wohle der breiten Masse wird auch im nun auf sich allein gestellten Großbritannien nicht zurückerobert werden. Stattdessen bleibt nur die diskreditierteste der politischen Visionen übrig: das Nationale. Und hier gebiert der Traum vom unabhängigen Großbritannien schon neue Ungeheuer der nationalen Abspaltung: Schottland will lieber abhängig von der EU als von England sein.
Vielleicht ist der europäische Gedanke nach wie vor zu groß für eigentlich lokal oder allenfalls regional getrimmte Hirne, die sich immerhin zur Fiktion der nationalen Verfasstheit aufrühren lassen. Es sind die selben Hirne, für die auch der Gedanke zu groß ist, dass eine größere ökonomische Homogenität zu mehr Zufriedenheit in einer Gesellschaft beiträgt. Wo jeder hofft, zu den nominellen Profiteuren gehören zu können, ist Solidarität nur noch eine leere Worthülse einer nach außen hin ideologie- und lagerlosen Grundkonsenspolitik, die im Inneren jedoch strikt lobbykratisch wenige privilegiert und viele für dumm verkauft. Die reaktive Politik ist vielleicht ideologie-, in jedem Fall aber ideenlos. Proaktiver Gestaltungswille, Krisenvorbeugung, weitsichtige Entscheidungen, orientiert an einer Heuristik der Furcht z.B. vor sozioökonomischen Schieflagen, die in dramatischem Unfrieden münden können – dies alles wird verhindert von einer in Legislaturperioden denkenden Parteienclique zwischen Hoffen auf Regierungsbeteiligung und Bangen vor der Oppositionsbank, und wer es dann in die Regierung geschafft hat (oder als Einzelner ins Parlament), werkelt treuherzig mit an der Mängelverwaltung, am Besitzstandswahrungskatechismus und am Standortdogma.
Was wäre theoretisch die Alternative? Artikel 21 des Grundgesetzes artikuliert, dass die Parteien an der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken. Es ist nicht zementiert, dass die Parteien alleine die Mitglieder des Bundestages zu stellen haben. Faktisch dürfte der Gewinn eines Wahlkreises durch einen Parteilosen jedoch aufgrund der etablierten Aufmerksamkeitserringungsstrukturen ausgeschlossen sein. Immerhin ist auch nicht festgelegt, dass das Parlament in Regierungs- und Oppositionslager aufgeteilt zu sein hat. Eine Allparteienregierung wäre denkbar, in der alle im Parlament vertretenen Parteien durch Ministerposten an der Regierung beteiligt werden. Da Ministerposten in der Vergangenheit auch an Parteilose vergeben wurden, erscheint der Schritt so undenkbar nicht. Es würde einer großen Koalition etwas von ihrer Arroganz nehmen und einer winzigen Opposition etwas von ihrem Kläfferischen, wenn alle zur Wahrnehmung der Regierungsverantwortung verpflichtet wären. Letztlich müsste auch keine Partei Angst haben, vom Wähler „abgestraft“ zu werden, denn die Mehrheitsverhältnisse könnten sich zwar ändern, aber eine Wahl zu „verlieren“, wie es im jetzigen Hop-oder-Top-Denken verankert ist, wäre dann gar nicht mehr möglich.
Und keine dann wirklich dem Wahlergebnis entsprechend repräsentative Regierung müsste sich gönnerhaft einen Arztbesuch empfehlen lassen, wenn sie – vielleicht auch kurzfristig unpopuläre, aber langfristig trag- und breitenzustimmungsfähige – Visionen entwickelt. Ohne Visionen wird es nämlich bald nicht mehr gehen. Noch vogelwilder: Die Visionen müssen eher über kurz als über lang global sein, sonst brauchen wir überhaupt keine Politik mehr. Schmidtsche Weisheiten haben ausgedient.

Der nächste Anschlag

Es gibt zwei sich gegenüberstehende Paranoiata, die rhetorisch einen Spagat zwischen zwei so nicht existenten Polen suggerieren: Die bürgerliche Paranoia wittert hinter allen exekutiven Ermächtigungen die Abschaffung von Grundrechten, die exekutive Paranoia wittert hinter jeder verwehrten Ermächtigung das Einfalltor für Sicherheitsrisiken. Daher wird immer vom Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit schwadroniert. Ereignisse wie die Attentate von Paris und Brüssel werden zum bitteren Triumph beider Paranoikerfraktionen: Die Exekutiven behaupten, mit mehr Ermächtigungen so etwas verhindern zu können, der Bürger sagt: Trotz Vorratsdatenspeicherung wurde hier nichts verhindert.

Es ist dies eine ganz fatale Verkennung des möglichen Sinnes der Vorratsdatenspeicherung wie auch der allermeisten Ermächtigungsgrundlagen für Exekutivorgane: Sie sollen im NACHHINEIN, ex post, die Aufklärung erleichtern (ob das in Frankreich der Fall war, weiß ich nicht). Die sekundär- und tertiärpräventiven Qualitäten von erlaubten Grundrechtseinschränkungen sind in der Gesetzgebung seltenst deren Rechtfertigung. Deswegen gehört es schon zur Irreführung, davon zu sprechen, dass eine Gesellschaft sich auf Gesetzesebene für die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu entscheiden habe.

Gerhart Baum, immerhin Volljurist, Ex-Innenminister usw., also ein nominell intelligenter Mann, entblödet sich nicht, bei „Hart, aber fair“ (schon etwas her) sowie aktuell auf seiner Homepage die „Überwachung“ des Bürgers zu beunken (www.gerhart-baum.de). Wegen der unterstellten Intelligenz kommt man nicht umhin, in der Wortwahl eine gezielte Polemisierung zu sehen, welche allerdings eine semantische Verblödung unterstützt, die den weniger polemikbegabten Konsumenten solcher Traktate wieder einmal bei der schrecklichen Vereinfachung der Welt hilft. „Überwachung“, soviel wird wohl konsensfähig sein, ist die Beäugung von Beäugten durch eine zur Beäugung ermächtigten und befähigten Institution – und das anlassunbhängig, als umfassende Kontrolle eben. Nun wird gerade die frisch reinstitutionalisierte und postwendend wieder vor dem Bundesverfassungsgericht beklagte Vorratsdatenspeicherung als Paradebeispiel für die „Überwachung“ angeführt, und der Bürger reagiert mit dem Empörungsreflex, der ihm umso stärker zu Gebote steht, je weniger Ahnung er von der Materie hat.

Die juristischen Tatbestände (Richtervorbehalt, Fristen, Berichtspflichten etc.) können getrost außer Acht gelassen werden, birgt die Sache doch genügend in populäre Begriffe übersetzbare Aspekte, um die Gemüter zu beruhigen.

Aus der verdachtsunabhängigen Speicherung von Verkehrsdaten der Telekommunikation (d.h. der bis zur jüngsten Novellierung jahrelang untersagten Möglichkeit der Identifizierung von Nutzern rückwirkend ermittelter IP-Adressen über die bei der Bundesnetzagentur gespeicherten Anschlussinhaberdaten) folgt nämlich mitnichten die vielbeklagte „Überwachung“ „unbescholtener“ Bürger. Die verdachtsunabhängige Speicherung führt nicht zur verdachtsunabhängigen Abfrage und Auswertung von Daten, schon gar nicht in Echtzeit. Hier werden hochspezielle und nur individuell verdachtsabhängig unter allerengsten Voraussetzungen und Beteiligung zweier Gewalten anwendbare tatsächliche Überwachungsermächtigungen wie der sogenannte Große Lauschangriff und längerfristige Observationen entweder fahrlässig oder – im Falle Baums, da Jurist und also über die Tatbestandsvoraussetzungen der jeweiligen Ermächtigungen fachkundig im Bilde – vorsätzlich verwechselt mit der verdachtsunabhängigen Speicherung (und NUR der Speicherung) von Verkehrsdaten, deren Anforderung und Auswertung wiederum nur verdachtsabhängig möglich ist. Die Daten werden – auch das muss offenkundig erst ausdrücklich festgestellt werden – nämlich von den Providern gespeichert, nicht von der Exekutive, und müssen also im Verdachtsfall angefordert werden. Ein Schelm, wer davon ausgeht, dass diese Speicherung und Verwertung zu kommerziellen Zwecken durch private Dritte auch während der Phase des Datenvorratsspeicherungsverbots durchaus statthatte. Nur hat die Exekutive eben keinen Zugriff darauf erhalten. Die Verletzung der Grundrechte durch die Provider, dieses Drittwirkungsversagen, hat indes keine Entrüstungsstürme ausgelöst, ebensowenig wie die freiwillige Datenhingabe an Payback-Anbieter, das Tracking durch Smartphones etc. Wenn es um das Sparen der sprichwörtlichen müden Mark geht, wird auch nicht Gerhart Baum engagiert. Aber wenn die müde Mark bei einem Ebay-Betrug verloren geht, dann entdeckt vielleicht sogar der Deutsche seine Liebe zur Vorratsdatenspeicherung – und ist dann nach dem nächsten Anschlag wieder empört, dass die Vorratsdatenspeicherung das nicht verhindert hat. Aber dann kann man ja wieder zum Anfang dieses Beitrags scrollen.

Sicherheit kann man also durch keine Exekutivermächtigung der Welt erreichen, Anschläge lassen sich nicht konsequent verhindern. Lediglich die Aufklärungsquote lässt sich erhöhen, und aus den Aufklärungserkenntnissen über Netzwerke, Beschaffungswege usw. lässt sich die Wahrscheinlichkeit neuer Anschläge allenfalls reduzieren. (Es ist eine unpopuläre Tatsache, dass natürlich auch Anschläge vereitelt wurden; beweisen lässt sich das allerdings kaum, jedenfalls nicht für das öffentliche Bewusstsein. Das funktioniert nämlich nur ex negativo: Nur der stattgehabte Anschlag wurde erwiesenermaßen nicht verhindert; der verhinderte hingegen hätte vielleicht nie stattgehabt. Ein Verhinderungstriumph ist nicht zu haben und immer öder als ein Aufklärungserfolg; so funktioniert die Aufmerksamkeitspolitik.) Relative Sicherheit kann nur durch Rahmenbedingungen der Primärprävention wie ernstgenommene Integration, Waffenmonopol des Staates, Bildungs- und Partizipationschancen für alle Bevölkerungsteile etc. VORBEREITET werden, eine Garantie dafür gibt es nicht. Delinquente Karrieren von Individuen lassen sich nur begrenzt beeinflussen, und der stets nach Anschlägen (so auch hier ubiquitär in allen Berichterstattungen) mit offen anklagendem Ton vorgetragene Vorwurf, die Attentäter seien polizeibekannt gewesen, verweist lediglich auf die Grundlagen des Rechtstaats: Datenerhebung ist nicht Datenauswertung, Wissen von Personen ist nicht deren Kontrolle, vergangene Tatbegehungen können und dürfen nach dem rechtsstaatlichen Menschenbild nicht als Indiz für spätere Eskalation präventiv genutzt werden.

Was will uns denn die Anklage, die Täter seien polizeibekannt gewesen, mitteilen? Klopfen wir den Begriff doch einmal ab. „Polizeibekannt“ heißt nicht, dass die Polizei eigeninitiativ Erkenntnisse zu einer Person erhoben hat. Vielmehr fallen in der Regel die Erkenntnisse über eine Person oder doch die Ermittlungsansätze zu einer Person der Polizei mehr oder minder ohne eigenes Zutun in den Schoß: Strafanzeigen werden in der Mehrzahl von Dritten erstattet, und nicht von der Polizei aufgrund eigener Wahrnehmung geschrieben. Denn die Wahrnehmungsfähigkeit hat etwas mit der Personalstärke und der Präsenzfähigkeit zu tun. Der Rückzug der Polizei aus dem öffentlichen Raum ist jedoch evident. Ist eine Person nun also durch Dritte als Beschuldigte in einem Strafverfahren benannt oder zumindest ermittelbar gemacht worden, ist diese Person „polizeibekannt“. Das sagt jedoch rein gar nichts über die Qualität der Erkenntnisse über die Person aus, zudem steht bei der Masse der Strafverfahren der Verfahrensausgang in keiner Beziehung zu den Ermittlungserkenntnissen der Polizei – und das muss im Rechtsstaat auch so sein. Über die Schuld und die Schuldschwere hat nicht die Polizei zu befinden, sondern die Judikative. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist das Prädikat „polizeibekannt“ nichtssagend. Aber eine Eskalationsstufe des Vorwurfs der exekutiven Tatenlosigkeit ist ja noch auszuschöpfen: der Vorwurf, die Täter seien „einschlägig polizeibekannt“ gewesen. Ob man es nun glauben mag oder nicht: Kein Attentäter ist jemals zuvor mit einem Amoklauf oder Terroranschlag, gleich welchen ideologischen Hintergrunds, aufgefallen. Viele mögen zuvor schon einmal irgendwelche Körperverletzungen, Sachbeschädigungen, vielleicht auch Raubdelikte begangen haben. Aber die Radikalisierung zu einer ideologisch begründeten Tat und damit die behauptete „Einschlägigkeit“ ergibt sich nicht aus diesem Tatenkatalog, sondern geschieht in Räumen, die den Ermittlungsbehörden ohne konkreten Hinweis auf weitere begangene oder anstehende Taten verschlossen bleiben. Wenn kein Strafverfahren anhängig ist, gibt es so gut wie keine strafprozessualen, nebenstraflichen oder polizeirechtlichen Mittel, so etwas wie Kontrolle langfristig und in der Fläche zu exerzieren. Und Haft gibt es – allenfalls – für erwiesener Maßen begangene, nicht für gemutmaßte zukünftige Taten.

Die wirkliche Aufgabe für die sogenannten offenen, faktisch jedoch integrations- und toleranzlimitierten Gesellschaften ist es ohnehin, so etwas wie terroristische Anschläge, grundsätzlich aber jegliche Form faktisch nicht verhinderbarer Kriminalität AUSZUHALTEN und integrativ, nicht desintegrativ darauf zu reagieren und sich zudem zu fragen, wie viel Freiheit man für die Aufklärung von Straftaten zu opfern bereit ist. Letztlich ist die sogenannte Sicherheit immer nur ein subjektives Gefühl, das nur mittelbar mit wirklich selbst Erlebtem korrespondiert. Aber da sich mit keiner Angst mehr Auflage und Einschaltquote machen lässt als mit der der noch Unbetroffenen, erleben wir weniger eine Erschütterung der „Sicherheit“, sondern hauptsächlich die Erschütterung des Sicherheitsbegriffs durch mediale Berichterstattung. Wieder zu besichtigen beim nächsten Mal. Und beim übernächsten Mal.

Tschö mit ö und Renditö-Verschwö ditö

Die Immermehrvernetztheit aller mit allem und die Allgegenwart von „Information“, kurz: das Internet hat jedes Individuum zum Erklärbär dessen gemacht, was es sich zur sogenannten Realität erkiest. Doch damit nicht genug: Das Individuum will nicht nur sich, sondern auch allen anderen die Realität erklären (wovon dieses Gebloggere hier beredtes Zeugnis ablegt), und das – wie könnte es anders sein – mit Alleingeltungsanspruch. So wird aus jeder nunmehr von vornherein zwangsöffentlichen Verlautbarung so etwas wie der private Katechismus des Individuums. Aus der good ol‘ Komplexitätsreduktion ergibt sich fast schon zwangsläufig die Notwendigkeit, den disparaten und kontingenten, in Modelle nicht mehr pressbaren Erscheinungen menschlichen Tuns eine in sich geschlossene, alles wieder glättende Interpretation entgegenzusetzen. Es kömmt eben nicht mehr darauf an, die Welt zu verändern, das tüt sie ohnehin permanent, sondern sie zum Behufe des eigenen Seelenfriedens so zu interpretieren, dass man darüber nicht den Verstand verliert (auch wenn man gar keinen zu verlieren hat).

Es ist folglich mehr denn je die Zeit der schrecklichen Vereinfacher, und so haben sie denn auch Zulauf: die politischen Parteien, die alles auf einen schröcklichen Nenner bringen, die Unternehmen, die Erlösung durch das richtige Produkt suggerieren, die Medien, die den perfekten Eskapismus choreographieren, alle sind sie zur Stelle, denn sie haben erkannt: Des Menschen Komplexitätsreduktion ist sein Himmelreich, und mit der Verwaltung dieser Gated Community lässt sich Staat und Kohle machen.

Ich sage „sie“, und es klingt, als handele es sich um eine homogene Gruppe der oberen Zehntausend, die sich zu unserer Ausbeutung verschworen hätten. Doch schon die Annahme, dass es Verschwörungen von Menschen über einer Gruppenstärke von – sagen wir mal willkürlich – 50 Personen geben könnte, sagt viel aus über die psychologische Blindheit der Theoretiker. Eine Verschwörung, will heißen das Zusammengeisten von Individuen im Geheimen, das Konspirieren eben, ist schon ein Widerspruch in sich. Sollte sich eine auch nur geringe Zahl von Egos finden, die in der Lage wären, tatsächlich im Verborgenen eine Strippenziehermacht aufzubauen, dann würden unweigerlich die Erscheinungsformen eben dieser Egos zum Zusammenbruch der Verschwörung führen – entweder in Form eines offenen und gar nicht mehr geheimen Bekenntnisses zum stärksten Ego oder in der Form der gleichmäßigen Marginalisierung der einzelnen Egos bis zur Bedeutungslosigkeit. Innerhalb einer Partei oder eines putschbedrohten Staates beispielsweise ist beide Szenarien schon vielfach aufgetreten, nur eben nicht als anhaltende Konspiration, sondern als Provisorium bis zur Machtokkupation oder bis zum völligen Einflussverlust. Die permanente Konspiration von Mächtigen hingegen ist undenkbar. Machtausübung und Machtdemonstrationsverzicht, das geht nicht zusammen. Persönlichkeiten dieses Schlages müssten erst noch erfunden werden. Menschen konspirieren nicht. Sie verfolgen je eigene Interessen, und wenn deren Verfolgung sich zeitweilig mit der Strategie anderer deckt, so bildet man vielleicht auch ganz unerhörte Koalitionen, aber immer nur vorübergehend.

Die Attraktivität einer Verschwörungstheorie für das komplexitätsreduktionsgeile Gehirn besteht aus zwei gemeinhin als unwissenschaftlich gebrandmarkten Komponenten: dass sie mit höchster Simplizität und Verständlichkeit nach eigenem Verständnis etwas „erklärt“, also mit Eindeutigkeiten, Polaritäten, größtmöglichen Kontrasten etc. eine Perspektive konstruiert, aus der alles einen Sinn ergibt; und dass sie nach eigenem Verständnis „aufklärt“, also einen eigenen ideologischen Standpunkt gegenüber anderen, desavouierten ideologischen Standpunkten einnimmt und so darstellt, warum die Erklärungen aus anderen Perspektiven untragbar sind (weil sie z.B. der „Lügenpresse“ entstammen). Dieser Attraktivität wollen wir hier aber nicht erliegen. Es gibt kein Zentralhirn etwaiger dauerhafter, weltumspannender Konspirationen, die unter der Oberfläche der sogenannten demokratisch und auch der nicht so genannten, folglich offen undemokratisch verfassten nationalstaatlichen Konglomerate den Weltenlauf zu ihrer alleinigen Wohlfahrt lenken, und insofern lässt sich die monotone Marschrichtung der Kultur- und Marktgleichschaltung auch nicht erklären. Aber es gibt Seilschaften, Eliten, Netzwerke, Ivy-League-Zirkel, Lobbyverbände, transnationale Multiproduktkonzerne, unheilige Koalitionen. Dass sie sich bisweilen untereinander bis aufs Blut bekämpfen und einander das Schwatte unterm Nagel nicht gönnen, ändert nichts am Grundkonsens und dem gemeinsamen oder genauer: nur gleichzeitigen Erfolg der einzelnen Protagonisten bzw. korporativen Akteure – und der Aktionäre natürlich.

Für uns Erste-Welt-Bewohner stellt das lediglich eine faktische, aber untergründige Einschränkung der oberflächlich exorbitanten Bandbreite der Verhaltens- und Wahlmöglichkeiten dar: Kaufst Du Milka, bezahlst Du Mondelez; kaufst Du Cadbury, bezahlst Du Mondelez; kaufst Du Daim, Oreos oder Toblerone, wen bezahlst Du wohl? Aber wählst Du SPD, bekommst Du auch nur CDU.

Für die Märkte der zweiten und dritten Welt bedeutet die erdrückende Marktmacht der transnationalen Konzerne und die durch Subventionen protegierten Produzenten unserer Hemisphäre, dass lokale mittelständische Unternehmen und Kleinanbieter wie auch Produzenten (z.B. Bauern) vernichtet werden, buchstäblich und wortwörtlich. Der Umstand, dass europäische Tomaten für Dumpingpreise den afrikanischen Markt überschwemmen und es den örtlichen Bauern unmöglich machen, ihre Tomaten loszuwerden, ist mittlerweile eine bekannte Tatsache, aber in seiner Perversion noch nicht genügend angeprangert, will mir scheinen. Die Fortsetzung des Imperialismus und Kolonialismus – die Erfindung neuer Euphemismen für die alten Praktiken verbietet sich von selbst – äußert sich nicht mehr in Obszönitäten ersten Grades: dass wir nämlich das Lohn- und Produktionskostengefälle dazu nutzen, uns das Zeug schön billig kommen zu lassen, während die da unten kaum davon leben können, sondern auch in Obszönitäten zweiten Grades, indem wir die da unten auch noch abhängig von unseren Importen machen – und von unseren Patenten auf die Biosphäre, wovon die Menschen ein Lied singen werden können, die von Monsanto gezwungen werden, das aus eigener Ernte zurückgelegten Saatgut zu vernichten, um das Monsanto-Zeug kaufen zu müssen.

Noch vor wenigen Monaten war ich so naiv und glaubte, der Konsument müsse sich nur seiner Macht bewusst werden. Dann hätte hier die Quintessenz gestanden: „Sie leben wie die Maden im Speck. Wir müssten uns nur klarmachen, dass wir über den Speck gebieten. Wenn wir ihn ihnen wegnehmen, sind es nur noch Maden. Wir müssen nicht einmal konspirieren, uns also eben nicht verschwören. Es braucht kein Gemeinschaftsplus, sondern jeder Einzelne kann ihnen zeigen, dass ihr Scheiß keine Macht über uns hat. Kauf halt keinen Nike-Schuh, der immer noch, trotz aller Lippenbekenntnisse und allen Konsumentenwissens unter obszönen Bedingungen hergestellt wird. Just don’t do it.“ Aber genau das ist fast unmöglich geworden, auf dem Lebensmittelsektor im höchsten Grad.

Schuld ist nicht die ominöse, allumfassende Verschwörung, sondern der Umstand, dass die Erste Welt alles zum Spekulationsobjekt gemacht hat, jedes menschliche Hervorbringungstalent ist in die Hände von Anteilseignern gefallen, ist Investitionsobjekt geworden, so dass am Ende die Geldgeber entscheiden – nicht gemeinsam, aber alle aus dem gemeinsamen Interesse der Rendite heraus. Nicht der Konsument hat mehr die Macht, sondern der Aktionär. Um die ethischen Dimensionen eines Investments schert sich ein Aktionär nicht, umso mehr, als das vielleicht noch mit solchen Gedanken geplagte und der Expertise von Anlageberatern ausgelieferte Individuum des Kleinaktionärs auf dem Rückzug ist. Und die Verantwortungsdiffusion der Investments von Großaktionären ist so hoch, dass es am Ende tatsächlich und wörtlich keiner gewesen sein wird – es also auf exakt das Gegenteil einer Verschwörung hinausläuft.

Die einzige Möglichkeit, sich ein Promille von Unschuld zu erhalten, ist neben dem – fast unmöglichen – Verzicht auf konsumatorischen Imperialismus und dem – allerdings sehr möglichen – Verzicht auf touristischen Kolonialismus: sein Geld niemals anlegen. Gib es dem BoDo-Verkäufer. Gib es mit vollen Händen für möglichst produktlose Dienstleistungen wie Massagen aus. Lass Karikaturen von Dir anfertigen. Lass Gedichte auf Dich verfassen. Verjux das Geld in der nächsten Eisdiele. Die Sahne ist allerdings von Mondelez. Dilemma wie imma.

Heimat

Nun ist es also soweit. Operative Angestellte von Fußballvereinen, sonst mit Geld selbst über Engagements in China, der Ukraine, Katar und sogar Wolfsburg hinwegtröstbar, haben die weichen Faktoren des Daseins für sich entdeckt: den Schoß der Familie, den immerwährenden Dank der Gattin, die auf der Kaufingerstraße im Shoppinghimmel angekommen ist, den Föhn, die Wiesn, eine barrierefreie Villa in Bogenhausen. Denn wenn man dann mit 38 in Rente geht, will man ja auch nicht mehr umziehen müssen. Diese Entwurzelung im Herbst des Lebens, das hält ein alter Baum nicht aus. Daher hat sich der Zwitscherer Marco Mingablog (https://twitter.com/mingablog) dazu entschlossen, ein bisserl Willkommenskultur für den Mats zu zelebrieren, mit all ihrer herzerwärmenden Kaminknisterigkeit. Nun hat der Bub es in der Fremde zu etwas gebracht, dann darf er auch wieder zurück. Ganz und gar andersherum als im Lukas-Evangelium zwar, bayrisch eben, aber sei’s drum. Beim FC Bayern nimmt man ja sogar Wirtschaftsflüchtlinge aus Vereinen aus der zweiten Reihe auf, die sich bei den Bayern sportlich absolut vorhersehbar durch drei Jahre Bankdrückerei ruinieren, sich wirtschaftlich jedoch ein Polster für ihr ganzes restliches Leben anfuttern können.

Sympathisch eigentlich. Wären da nicht all die bresttransportierenden Aromen des bayrischen Heimatbegriffs, die gerade all denen entgegenschlagen, die dort zwischenzeitlich ihr Haupt betten zu dürfen hoffen.

SPOILER: Die Bildkombination oben ist strikt satirisch. Weder soll damit Seine Majestät Horst I. noch sonstwer Gekröntes beleidigt werden.

 

 

Hummeln im Arsch, Hummels am Arsch

Wieder einmal wird ein salomonischer Bescheid von mir erwartet. Nun gut, hier ist er schon.

Im Namen des Volkes:

Um die Rache Vater Hummels‘ an seinem ehemaligen Arbeitgeber FC Bayern zu vollenden, Cathys Society-Ambitionen zu wahren und die Familienzusammenführung im Freistaate zu gewährleisten, wird Herr Mats Julian Hummels, geboren am 16.12.1988 in Bergisch Gladbach, mit Wirkung zum 01.07.2016 zum Turn- und Sportverein München von 1860 e. V. transferiert. Die Ablösesumme wird vom Deutschen Fußball-Bund e.V. an die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA gezahlt. Das Beraterhonorar an Vater Hummels wird von Franz Anton Beckenbauer, geboren am 11.09.1945 in München, in Verrechnung mit dem von ihm verschuldeten Imageschaden für das Ansehen des Sportfunktionärswesens getragen.

Gegeben zu Dortmund am 04. Mai 2016