Guten Morgen, Abendland

Schlaaand hat Angst. Weil es gerade Zeit hat. Weil die Arbeitslosenquote gerade geht so ist, aber nicht dramatisch. Weil gerade keine Fußball-WM ist. Weil der Benzinpreis niedrig ist. Weil es der Wirtschaft gerade ganz gut geht. Weil die Finanzwirtschaft die Permanenz ihrer Perversion mittlerweile ganz gut verschleiert. Weil der Kleinanleger gerade nicht gefährdet ist. Weil wahrscheinlich doch noch irgendwann die Helmpflicht für Fahrradfahrer kommt. Weil es also gerade in den Kram passt, Angst wegen anderer Dinge gemacht zu bekommen.

Da passt es ganz gut, dass einem – nach den Regeln der medialen Welt, versteht sich – hinterbracht wird, dass es da ein paar Terroristen gibt, die sich – nach den Regeln der medialen Welt, versteht sich – rühmen, den heiligen Krieg auf die Festung Europa ausdehnen zu wollen und zu können. Es passt auch ganz gut, dass die Angstmacher ein einprägsames Gesicht haben, ein bärtiges namentlich, da muss der Geängstigte nicht erst einen Archetyp konstruieren, und so ein Bärtiger mit Ziegenhüterhütchen lässt sich auch vorzüglich karikieren. Das Sendungsbewusstsein der Youtube-Terroristen lässt die europäischen Staaten wieder zu einem Affirmationskartell zusammenrücken, das in den üblichen Sonntagsreden von den europäischen Werten seine kaum verhohlene Eitelkeit pflegt, nämlich die einer sich im Grunde doch überlegen wissenden Kultur.

Die Faktizität der Anschläge von Paris, Madrid, London und Frankfurt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bedrohung durch radikalisierte Muslime unter dem Vergrößerungsglas der sich reziprok beeinflussenden europäischen Medien und Politik einen unangemessenen Stellenwert bekommen hat. Das liegt auch daran, dass die Europäer traditionell – denn das gehört ebenfalls zu den „Werten“ des Abendlands – für die nationalistischen und separatistischen Exzesse in ihrem eigenen Hinterhof ein eher gleichmütiges Verständnis aufbringen. Nordirische Paramilitärs, ETA und – warum denn den Blick in die Ferne schweifen lassen – RAF, Wehrsportgruppen, Kameradschaften und NSU und die Zahl ihrer Opfer beweisen recht eindringlich, dass der Wahnsinn nicht importiert werden muss, oder genauer: dass die Wahnsinnigen nicht importiert werden müssen. Ob die dann einem importierten oder einem in der „Wertegemeinschaft“ hausgemachten Wahnsinn anheimfallen, scheint ein Zufall individueller Entwicklung zu sein.

Es ist eine Binsenweisheit, dass die statistische Gefahr, Opfer eines islamistischen Attentats zu werden, in keiner ernstzunehmenden Korrelation zu der gegenwärtig designten Angst steht, insbesondere nicht im Verhältnis zu viel konkreteren und wahrscheinlicheren Gefahren. Ein anthropologisch konstantes Grundbedürfnis nach Angst ist noch nicht nachgewiesen worden. Man muss also fragen: Wem nützt diese Angst?

Nach dem „Ende der Geschichte“ war es der „Kampf der Kulturen“, der eine verführerische Wirkung auf die vom Kalten Krieg erweichten Gehirne des Westens ausübte. Diese Modelle gehörten zu den Selbstbestätigungsverfahren der paar narzisstischen Gesellschaften, deren einziger gemeinsamer Nenner der Wohlstandsvorsprung gegenüber den anderen Gesellschaften und die stillschweigende Übereinkunft darüber war, dass dieser Vorsprung mit Zähnen und Klauen zu verteidigen ist. Diesen Gesellschaften war der Antipode abhanden gekommen, vor dessen Spielart der Menschenverachtung die eigenen Tendenzen, den Menschen zum Objekt zu machen, sich als die im Zweifelsfall immer noch erstrebenswerteren ausnahmen. Und dann kam der 11. September, der die Theorie vom Kampf der Kulturen, hinter den alle sozioökonomischen und politischen Unterschiede von Gesellschaften zurücktreten, auf das Autosuggestivste zu bestätigen schien. Der Schmelz des moralischen und gesellschaftsevolutionären Vorsprungs des Westens gegenüber den vermeintlich mittelalterlichen Oligarchien und Theokratien der Achse des Bösen und ihrer Anrainerstaaten wurde allerdings alsbald matt, als völkerrechtlich schlapp oder gleich überhaupt nicht legitimierte Rohstoff-, Absatzmarkt- und Handelswegkriege unter der Verbrämung des „War on terror“ geführt wurden. Die europäischen Politeliten spielten dabei entweder aktive oder anders unrühmliche Rollen. Aber man hatte endlich wieder ein Gegenüber, das der uneingeschränkten Verachtung würdig war und das die neu beschworene Wertegemeinschaft herauszufordern schien.

Die Artikulation dieses Gefühls des angeblichen Herausgefordertwerdens offenbart allerdings die Natur dieses „Konflikts“ schonungslos: es handelt sich nämlich um einen inneren Konflikt, eine Krise des Selbstverständnisses des Westens, der nüchtern betrachtet keine Vorzüge besitzt, die er tatsächlich einem besonderen Verhaltensadel seiner Bewohner verdanken würde. Der Westen befindet sich in der schnöseligen Lage von Erben historischen Glücks in der dritten Generation, die heute die Früchte des Weltzustands nach Kolonialisierung, Einnahme und Kontrolle aller Zugänge zu Rohstoff- und Absatzmärkten genießen und dem Rest der Welt noch gute Ratschläge mit auf den Weg geben wollen, auf einen Weg, der ganz bestimmt nicht dahin führen soll, wo der Westen schon ist.

Wem nützt also die Angst vor der Invasion islamistischer Terroristen? Einer Staatengemeinschaft, die eine Krise ihrer emotionalen und wirtschaftlichen Bindemittel zu überstehen hat. Regierungen, die im Windschatten der medialen Dominanz weniger populäre Entscheidungen durchwinken lassen können, an deren öffentlicher Legitimierung sie sich ansonsten die Zähne ausbeißen würden. Und nicht zuletzt immer einzelnen Protagonisten, die sich im Angstartikulationsmanagement hervortun und im stillen Einverständnis mit den medialen Scheinskandalisierungen von verschämt-rechten Parolen handeln, mögen sie die schlechte Publicity durch die „Lügenpresse“ auch bigott geißeln.

Bei dieser Angstbewirtschaftung geraten die eigentlichen Tragödien aus dem Blick: dass unter dem Deckmäntelchen einer militarisierten Fehlinterpretation des Islam von einer Minderheit in muslimisch geprägten Gesellschaften des nahen und mittleren Ostens brutal-patriarchalische, bildungsfeindliche Systeme errichtet werden sollen und dass dabei Abertausende von Menschen, die einfach nur in Frieden ihr Dasein fristen wollen und bei denen es sich fast ausschließlich ebenfalls um Muslime handelt, hingemetzelt werden. Die Hauptleidtragenden des islamistischen Terrors sind Muslime. Aber das wird in Europa so behandelt, als seien derartige Risiken der Lebensführung in einer problemlos als homogen imaginierbaren fatalistischen Mentalität „der“ Muslime schon hinreichend aufgefangen.

Die islamistische Perversion ist aber nicht im Islam angelegt. Die wachsende Zahl deutscher Dschihadisten ohne den sogenannten Migrationshintergrund zeigt, dass es keine muslimische Sozialisierung braucht, um sich fanatisieren zu lassen. Eine hohe theologische Bildung ist beim Fußvolk des Dschihads so wenig vorhanden wie die Einsicht in die Fakten der Zuwanderungs- und Flüchtlingspolitik beim Fußvolk der Anti-Islam-Proteste. Komplexitätsreduktion als Führungsstrategie all überall. Es ist ohnehin falsch, den Katalysator mit den Reaktanten zu verwechseln. Radikale Gruppierungen sind immer ein Sammelbecken von gesellschaftlichen und individualgeschichtlichen Verlierern. Die individuellen Verlierer kann man vor ihrem Schicksal nur schwer bewahren, nationalstaatliche Politik kann aber immerhin die Rahmenbedingungen für ein Gelingen individueller Biographien gestalten. Es wäre allerdings Aufgabe auch einer sich als international koordiniert verstehenden Politik, das Entstehen oder Fortbestehen ganzer Verlierergesellschaften zu verhindern. Die Praxis zeugt jedoch von genau gegenteiligen Tendenzen, wenn andere Gesellschaften lediglich als Rohstofflieferanten und devote Handelspartner behandelt werden, falls man sie sich nicht gerade direkt zu Feinden macht, indem man bei ihnen einmarschiert und dabei ganze Generationen von traumatisierten Märtyrern im Wartezustand aktiv herstellt.

Der Anspruch auf die Deutungshoheit über die Qualität von „uns“ und „denen“, der Wille zur Abgrenzung und die daraus legitimierten Verhaltensweisen von Individuen, Staaten und Staatengemeinschaften ziehen aus den ganz selbstverständlich gewordenen, globalisierten Zuweisungen von Morgen- und Abendland, fernem Osten, nahem und mittlerem Osten immer weiter Nahrung. „Wir“, das ist der Nabel der noch immer nicht als unentrinnbares Dschungelcamp für alle begriffenen Welt.

Bleibt es dabei, wird die Welt zu einem einzigen Na-dann-gute-Nacht-Land.

Einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es kann, ist oft schwer.

Viel leichter ist es, einen Aphorismus zu schreiben,

wenn man es nicht kann.

– Karl Kraus

 

Noch leichter ist es, wenn man auch keinen Gedanken hat, dann geht es einfacher durch das Nadelöhr des nicht gekonnten Aphorismus. Ein nicht gehabter Gedanke lässt sich allerdings hervorragend auch in Leitartikellänge auswalzen.