Ach, könnte man mir doch Nachhaltigkeit vorhalten!

Der Spiegel macht seine Nr. 16/2015 mit dem seltsam anmutenden Titel „Kaufen, um die Welt zu retten – Was bringt ethischer Konsum?“ auf. Dazu faltet eine mit Papiertüten bepackte, in das klassischer Weise den Madonnendarstellungen vorbehaltene Blau gehüllte junge Frau die rotbehuften Hände mit verklärtem Blick. Die Papiertüten tragen Aufschriften wie BioBio, Fair Trade etc., über dem Haupt der Frau hängt ein massivgoldener Heiligenschein mehr als er schwebt. Die Illustration scheint also die Antwort auf die Titelfrage zu geben, indem das vermeintliche Selbstbild der immer wieder hartnäckig so titulierten Gutmenschen aufs Korn genommen wird.

Es ist gut und richtig, dass im entsprechenden Artikel die tatsächliche Ethikhaltigkeit der Herstellung, des Transports, des Vertriebs und der Gewinnverwendung von als Fair Trade, Bio etc. gelabelten Produkte hinterfragt und in Teilen überprüft wird, und das durchaus unzynisch und nicht ohne Blick für Hoffnungsschimmer. Gleichzeitig artikuliert der Artikel vielfach Missverständnisse, die auszuräumen er berufen hätte sein können. Zudem wird die gesellschaftliche Tendenz widergespiegelt, unzureichende Motive und inkonsequentes Verhalten von vermeintlichen „Gutmenschen“ zu diskreditieren. Absolution erhalten solche Menschen derzeit nur, wenn sie von ihrem naiven Trip zurückkehren zu „normalem“ Verhalten.

Als Galionsfigur der potentiell engagierten, aber von der Realität ernüchterten Bessermenschen hält daher für den Spiegel-Artikel auch die Gründerin von Utopia.de, Claudia Langer, her. Sie, „die den Kunden prophezeit hatte, sie könnten mit ihren Einkäufen den Planeten retten“, musste feststellen: „Ich habe mir jahrelang eingeredet, dass es mich glücklich macht, wenn ich auf Fernreisen verzichte (…). Aber das Gegenteil ist wahr: Ich schöpfe aus diesen Reisen, und mein Verzicht hat dem Weltklima auch nicht viel gebracht.“ Ihr nach ökologischen Gesichtspunkten gekauftes Auto bezeichnet sie als „Spaßbremse“. Das Spiegel-Autorenteam konstatiert: Claudia Langer „gestand eine Niederlage ein. Sie kehrte sich ab vom Glauben daran, dass ethischer Konsum allein in der Lage sei, die Welt zu verändern, und dass ihre Schöpfung Utopia das Einkaufsverhalten der Deutschen revolutionieren würde. (…) Aber es ging Langer alles zu langsam. Sie wollte nicht die immer gleichen 15 Prozent der ohnehin Überzeugten noch einmal überzeugen.“ Aus „Frust“ über die Vergeblichkeit der Anschaffung von Holzspielzeug – „diese freudlosen Figuren in blassen Farben, die so uninspirierend sind“ – gab sich die Unternehmerin einem Plastikspielzeugkaufrausch hin. Und damit man in dieser Ikone das Menschliche an sich erkennen möge, wird ihre autotolerante Konsumethik ausbuchstabiert: „Claudia Langer hat sich vom bewussten Konsum keineswegs abgewandt. Sie erlaubt sich jetzt nur ab und an einen Fernflug oder kleine Nachhaltigkeitssünden. Sie fragt nicht unterwegs bei jedem Snack, wo er herkommt. Sie ist nicht mehr so streng mit sich.“ Die Autoren fügen hinzu: „Wer je versucht hat, seinen Konsum nach den ökologischen, sozialen und politischen Folgen auszurichten, der wird nachvollziehen können, was das für eine Versuchung ist: einfach zu essen und zu kaufen, zu verbrauchen und zu verfeuern, worauf man Lust hat und was billig ist. Ohne dieses schlechte Gewissen, die Erde zugrunde zu richten. Ohne dieses ständige Nachdenken über die Konsequenzen.“

Man lasse sich dieses Anfeaturen (so heißt das in Medienkreisen) mal auf der Zunge zergehen. Die Wortwahl und die damit einhergehende Darstellung der Emotionen und psychischen Parameter sagen nichts aus über die wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und politischen Folgen gewisser Konsumformen der Konsumenten aus der ersten Welt aus, aber alles über die Korrumpiertheit der Erwartungen und Einstellungen dieser Konsumenten und nicht zuletzt alles über das Wesen des Konsums selbst.

Der Reiz des Konsums liegt im Erwerb und Verbrauch, nicht im Besitz. Das Versprechen des Konsums ist Glück und Lust durch sich selbst. Dieses Versprechen und die Erwartung seiner Erfüllung hat der Konsument (beredt eben auch Verbraucher genannt) verinnerlicht. Konsum dürfte kaum je „ethisch“ werden, wenn nicht diese Wesenszüge generell hinterfragt werden. Ethisch zu nennen sind allenfalls Anschaffungs- und Versorgungsarten, die nicht nur den oberflächlichen Kriterien etwa des biologischen Anbaus und der ökologisch möglichst neutralen und unausbeuterischen Produktion Rechnung tragen, sondern sich überhaupt gegen das verzehrende Verbrauchen und den modischen Verschleiß von Dingen richtet. Deswegen lassen sich die beiden Kaufverhaltensweisen nicht auf der Ebene der Verhaltenslust vergleichen. Wer in der einen Welt noch wurzelt, für den hat die andere nichts als ‚Frust‘, ‚Freudlosigkeit‘, ‚Strenge mit sich selbst‘ und ‚Verzicht‘ zu bieten. Für die anderen stellt es aber entgegen der Unterstellung des Artikels keine Versuchung dar, „einfach zu essen und zu kaufen, zu verbrauchen und zu verfeuern, worauf man Lust hat und was billig ist“. Die Erwartung, dass ein Verhalten, das per definitionem anders sein und etwas ändern soll, dieselben Belohnungen ausschütten soll wie das zu ändernde Verhalten, ist das ersten Missverständnis in der Debatte um ethischen Konsum.

Das zweite Missverständnis ist die Vorstellung, dass mit den etablierten Protagonisten des Kapitalismus eine ethische Wende einzurichten sei. Wenn jedoch die Ethik beim Konsum nicht nur eine geistige Übung sein soll, sondern in faktisch wirksamem Handeln münden soll, dann kann das Ziel nur ein Herstellungs- und Kaufverhalten sein, das faktisch ökologisch, sozial und politisch neutral ist. Der dafür eigentlich stehende Begriff der Nachhaltigkeit ist bedeutsamer Weise durch inflationären Gebrauch mittlerweile selbst zu einem insignifikanten Wegwerfwort verkommen. Von echter Nachhaltigkeit, also einem Verhalten, das Zustände nicht verschlechtert bzw. deren Beeinträchtigung anderweitig kompensiert, ist die Lebensweise insbesondere der Europäer und Nordamerikaner unüberbrückbar entfernt, da das gesamte Wirtschaften dieser Gesellschaften auf Absatz und Verbrauch ausgerichtet ist, auf kalkulierte Obsoleszenz statt auf Langlebigkeit und auf Bedarfsweckung statt Bedarfsdeckung.

Mit der Allgegenwart der Bedarfsweckung geht wiederum das Unbehagen des Massenpublikums am lustfeindlichen „ethischen“ Konsum einher. Usf. Die Produzenten geben vor, in vorauseilendem Gehorsam dem Konsumenten zu folgen, der Konsument behauptet, nicht aus der dergestalt vom Produzenten komfortabel gemachten Hypnosezelle ausbrechen zu können, ohne dabei unverantwortbaren Mangel zu leiden. Hinzu tritt die perfide Selbsterhaltungslogik des Status quo: Der auf die eine oder andere Art in die Produktion von all dem Überflüssigem involvierte Großteil der Menschen tröstet sich über die Zumutungen, die mit dieser Verstricktheit einhergehen, mit eben diesen Produkten hinweg: „Das habe ich mir gegönnt, das habe ich mir verdient.“ Ja, das haben wir dann wohl verdient.

Es ist immer wieder durchaus peinlich, solche altbekannten Banalitäten zu benennen. Allerdings schämt sich der Spiegel auch nicht ähnlicher Gemeinplätze: Denn „alle Verantwortung dem Verbraucher aufzubürden hieße ja auch, die Politik aus ihrer Pflicht zu entlassen“, da es nach dem im Artikel zitierten Vittorio Hösle unwahrscheinlich sei, „den Egoismus des einzelnen Konsumenten wegpädagogisieren“ zu können. Es führe „kein Weg daran vorbei, dass es Umweltsteuern und vielleicht Umweltzölle geben muss. Die Preise müssen widerspiegeln, was jeder Kauf an Schaden etwa für die Umwelt bedeutet“. Ich halte jedoch jede Wette, dass ein Weg daran vorbeiführt. Die Menschen unpopulär zu ihrem erst später einsehbaren Glück zu zwingen, ist bei den gegenwärtigen Entscheidungszyklen ganz unabhängig vom Politikermaterial völlig utopisch. Und alle Verantwortung der Politik aufzubürden hieße ja auch, die Wähler aus ihrer Pflicht zu entlassen. Welcher Kandidat wäre in der Lage, über Partikularinteressen stehende Ziele und Entscheidungsnotwendigkeiten einem Wahlvolk schmackhaft zu machen, das in der Denke der „Alternativlosigkeit“ erzogen wurde und dem ohn‘ Unterlass der Axiom von der Lustfeindlichkeit der Vernunft eingehämmert wird?

Ich weiß nicht, wann dieser Topos geboren wurde. Ich ahne aber, dass der Großteil einer mit der „Alternativlosigkeit“ von „Sachzwängen“ konfrontierten Gesellschaft nicht auf ethisch elaborierte, sondern auf carnevalistische Weise eine Unterwanderung dieser Behauptungen sucht und den Umkehrschluss als ultima irratio lebt: Alles Unvernünftige ist lustvoll. Daher geht man wochenends „feiern“, sich selbst, die kleine Flucht. Eine sich dergestalt für subversiv haltende Clique ist tatsächlich nicht empfänglich für über ihre Vorstellung hinausgehende Verantwortung. Auf ihrem primarktütenfarbenen Grabstein wird stehen: Alles war nicht genug.

Was bringt also „ethischer“ Konsum? Eine punktuelle Entlastung des Gewissens, ohne Heiligenschein. Die Welt etwas weniger schnell schlechter zu machen. Und die Erkenntnis, dass in der Praxis, es in die Freiwilligkeit des Einzelnen zu stellen, was und wie er konsumiert, eine unerträgliche Ignoranz und Arroganz gegenüber dem zementierten Gefälle liegt, dass auch der ethisch versiertest handelnde Erstweltler einen zehnmal größeren ökologischen Fußabdruck hinterlässt als ein kleiner Bangladeschi, selbst wenn er in einem fair-trade-kontrollierten Betrieb ökologisch unbedenkliche T-Shirts zusammennäht. Einen Fußabdruck, der ein Fußtritt für die Mit- und Nachwelt ist.

Immer wieder Sonntags

Ändern losst si goa nix, weil sunst hätt mas längst scho gmacht.

Ändern losst si goa nix, also servus, guäde Nacht.

 

– Georg Kreisler

 

Die sogenannte Aufklärung hat ein unglückliches Bewusstsein gestiftet, das Bewusstsein, dass Menschen eigentlich zu Höherem als dem alltäglichen Gewurschtel und Geplänkel berufen seien kraft der Vernunft, der Individualität und gemeinsinniger Regungen. Unglücklich wird das Bewusstsein an der ständig erlebten Differenz zwischen dieser Lobrede auf die Spezies und ihrem allenthalben unvertuschbaren Gebaren. Gleichzeitig wird an der Verheißung festgehalten, dass ein besseres Leben bereits auf Erden möglich sei, und zwar wegen des menschlichen Potentials. Im Grunde ist diese Selbsterhöhung weder durch Kopernikus noch durch Darwin und gewiss nicht durch Freud entscheidend erschüttert worden. Die nach wie vor wirksame Autosuggestion hat niemand mit größerem Nobilitierungsanspruch vorgetragen als good ol‘ Hegel, der in seiner Antrittsvorlesung in Berlin gesagt haben soll: „Wenn Sie meine Vorlesung besuchen, dann nehmen Sie an jenen Sonntagen des Lebens teil, welche die eigentliche Erfüllung der Existenz bedeuten.“ Aber mit dieser spezifischen Eigentlichkeit verhält es sich so, wie es Ödön von Horváth seine Freifrau von sagen lässt: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Denn empirisch deutet nichts darauf hin, dass Menschen eine paradigmatisch größere Verhaltensautonomie als Tiere besitzen. Aber die Utopie ist – die Paradoxie sei gestattet – nun mal in der Welt, und um ihren wohlig lähmenden Wert erhalten zu können, müssen unliebsame Indizien für ihren Charakter ausgeblendet werden.

Auf das Aus- und Verblenden haben Menschen seit jeher viel Mühe und Witz verwandt. Verblendung, nicht im rhetorisch-verlogenen oder narzisstisch-selbstaffirmativen, sondern im industriedesign-propagandistischen Sinne als Verbrämung gedacht, ist die evolutionär selbstsabotierende Leistung des Hinwegtäuschens über das Notwendige und Drängende mithilfe des nicht einmal Nützlichen. Die Blende wird zum „Eigentlichen“, nicht das Verhüllte. Es gehört zum Wesen der Blende, dass sie durch ihre Dimensionen einen größeren Raum umhüllt als den, der von dem Verblendeten eingenommen wird. Es verwundert daher nicht, dass die Blende auch überproportional zum Verblendeten vergötzt wird. Sie ist das eigentliche Produkt, sozusagen der Sonntag des Produktlebens, und hat sie Kratzer, kommt das ganze Produkt auf den Müll. Eine Ausschlachtung des vielleicht noch verwertbaren Verblendeten rentiert sich nicht. Nur an der Blende und ihrem Schmelz der Neuwertigkeit mag man sich weiden. Die Müllhalden, Schrottpressen, Hinterhöfe und Katakomben der Welt zeugen daher von den bleibenden Wirklichkeiten menschlichen Vermögens, und zwar gleichermaßen in konzentrierter wie in ausufernder Form. Insofern hat sich die Aufklärung, so man ihr Motivationen der Ent-Blendung, der „Enthüllung“ unterstellen mag, in ihr Gegenteil verkehrt: Selbst die Ent-Blendungen werden wieder zu Verblendungen in der Hand von Blendern: Das sogenannte Umweltbewusstsein und alle Anstrengungen, ihm Ausdruck zu verleihen (Müll trennen, nur zwei Transkontinentalflüge im Jahr für Herrn Hinz und Frau Kunz), zeigt nur, dass die Welt eben lediglich als Um-Welt, als Um-Verpackung, als Blende, gesehen wird, die sich im Bewusstsein der Weltentwerter polieren lässt, während sie selber als Interieur weiterwursteln können.

Ohnehin das Bewusstsein: ein Artefakt der Evolution, aufgepeppt mit der Autosuggestion der Willensfreiheit. Man muss kein neurobiologischer Positivist und kein genetischer Determinist sein, um mutmaßen zu können, dass „Entscheidungen“ des „Bewusstseins“ allenfalls nachträgliche Würdewahrungsstrategien sind, die vorher passierte neuronale Prozesse vor dem Selbstanspruch der „Ratio“ legitimieren sollen. Gleichzeitig fängt eine hedonistische Pseudophilosophie halb zynisch die Verfehlung unserer Legitimitäts- und Legalitätsbegriffe auf, ursprüngliche Bedürfnisse und ihre Befriedigung nicht wahrhaben zu wollen, indem sie Sätze formt wie: „Vernünftig war’s nicht, aber geil.“

Menschen bleiben nicht unter ihren Möglichkeiten und schlagen auch nicht über die Stränge, sondern alles spielt sich im Rahmen ab. Sie sind nicht eigentlich ganz anders, sondern genau so. Explizite Utopien sind nur die Übertreibung der üblichen Sonntagsreden von „der Menschheit“ (im fingierten Gegensatz zur nicht vorhandenen Hundheit und Pinguinheit). Der gemeine Erste-Welt-Bewohner (um nicht zu sagen: der perfide Erste-Welt-Bewohner) ist nicht die Perversion des vermeintlich edlen Wilden, sondern seine wahrscheinlichste Mutation. Er ist die Ausschöpfung des Menschenmöglichen und tut des Menschen Möglichstes, nichts der Phantasie zu überlassen. Des Menschen Möglichstes, das ist keine Hoffnung und keine Verheißung, das ist eine Drohung, die permanent verwirklicht wird. Sollte es eine Hoffnung auf ein besseres Leben bereits auf Erden geben, dann nicht wegen, sondern trotz des menschlichen Potentials. Aber ein Liegenlassen von Möglichkeiten ist die conditio humana nicht. Was gestern noch Schicksal hieß, ist das individuell abgespulte evolutionäre Programm, ungeachtet des kollektiven Verheerungsvermögens und der Populationsdichte. Denn „sie wissen nicht, was sie tun“, aber „es hat so sollen sein“.