Was gesägt werden muss

Pegida hat die Debattenkultur zurück in den Kretinismus geführt mit dieser immer mitschwingenden „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“-Attitüde. Idiotisch ist diese Attitüde, weil das Sagen-um-des-Sagens-willen ja keinen Wert an sich darstellt, dieser Terror der emotionalistischen Aufrichtigkeit ist vielmehr der natürliche Feind aller Diplomatie und aller Akzeptanz von Andersartigkeit. Die Attitüde ist darüberhinaus auch eliptisch, denn korrekt müsste es heißen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, ohne als rechtsradikal zu gelten.“ Und hier kann die Replik natürlich nur lauten: „Das denn nun gerade nicht, Ihr Fugenasseln. Zur Meinungsäußerungsfreiheit gehört, dass, wer für sich das Recht auf Dummbratzentum in Anspruch nimmt, die Kritik daran mit denselben Mitteln zu ertragen hat. Und das wird man ja wohl noch sagen dürfen. So, und jetzt Ihr wieder.“ Ein Schubskreis auf einem Grundschulhof.

Dabei muss man den PegiDadaisten ja durchaus dankbar sein für eine Entlarvung abendländischer Sitten: Die „Dwmjwnsd“-Attitüde reißt auf wohltuend perfide Art der Grandezza der Bigotterie die Maske vom Gesicht. Wo bestenfalls halbverschämt mit den ethischen Unzulänglichkeiten unserer Lebensweise kokettiert wurde, beginnt jetzt die Hinwendung zum offenen Bekenntnis zum Zynismus.

Es ist ein unausgesprochener Konsens gewesen, dass wir als Geschichtsgewinner (ja, wir sind das, die, die immer reicher werden, nicht nur die 62 Multimilliardäre, die soviel besitzen wie die Hälfte der Menschheit, aber doch auch nur ein Leben) unsere verheerenden Taten nicht öffentlich beichten, uns nicht zu unseren Trieben bekennen, die uns das alles machen lassen. In der Öffentlichkeit wird nur die Kehrseite zelebriert, die Spendengalas, die Abbitten, Ablassfeste fürs Register.

Aber gäbe es noch einen Reinen, der außerhalb der Verstrickungen und der Mitschuld stünde, er übersetzte unsere Taten in folgende Worte, von denen es in hundert Jahren heißen wird: „Das durften wir ja wohl noch sagen, wir haben’s ja schließlich auch gemacht“:

„Flüchtlinge können gerne kommen, aber nicht in meinen Vorgarten, nicht in meinen Stadtteil, nicht in die Schule meiner Kinder. Am besten kriegen die eigene Zeltstädte. Im Osten. Dafür gehe ich dann auch demonstrieren.“

„Eigentlich ist es mir scheißegal, ob unsere Gewässer und Böden verhunzt werden, Hauptsache, ich habe täglich mein tellergroßes Schnitzel. Es ist mir auch scheißegal, ob in der Konservendose, die mein nicht so intelligentes Haustür zu fressen kriegt, ein sehr viel intelligenteres Tier drin ist.“

„Es ist mir scheißegal, ob ein Kreuzfahrtschiff eine von Grund auf versaute Sauerei ist, von den Arbeitsbedingungen der kleinen Philippinos unter Deck bis zur Lebensmittel- und Energieverschwendung, Hauptsache, ich muss meinen Koffer nur einmal auspacken und bin trotzdem jeden Tag woanders.“

„Es ist mir eigentlich scheißegal, ob durch so etwas wie TTIP die demokratische Errungenschaft der Gewaltenteilung zugunsten transnationaler Konzerne pulverisiert wird. Dafür gehe ich dann auch nicht demonstrieren. Hauptsache ich krieg alles überall, und viel davon. Ich bin mein eigener Lobbyist.“

„Es ist mir scheißegal, ob in Sweat-Shops im günstigsten Fall Kinderhände verkorkst werden, im ungünstigsten Fall Tausende zu Tode kommen. Ich find’s toll, dass jetzt in jedem Kuhkaff ein Primark steht, in dem silohoch Wegwerfklamotten für den Saisonverbrauch gestapelt werden. Und die habe jetzt SUV-Parkplätze.“

„Es ist mir eigentlich alles scheißegal, falls Sie’s noch nicht bemerkt haben. Ja, richtig, das nennt man Scheinauflösung der kognitiven Dissonanz. Ist mir aber auch egal.“

So schriebe ein Reiner. Also keiner. Aber gemacht haben wir’s. Ich bezeuge es. Und obwohl ich mich als Zeuge nicht selber belasten muss (da haben wir sie, die kodifizierte Scheinauflösung der kognitiven Dissonanz), bin ich bereit, auszusagen. Vollumfänglich. Ein Geständnis, wenn Sie so wollen.

 

Hey Jojo, kommst Du an dem fraglichen Samstag zu meinem Geburtstag? Sprich mit den üblichen Verdächtigen die Anreise ab. Bitte solarbetrieben (Absprache und Anreise). Es gibt lecker Hund.