Böhmermannsche Dörfer

Jetzt muss ich mich also doch auch noch zu Böhmermann äußern. Obwohl er doch schon alles gesagt hat bzw. genau das ausgelassen hat, was durch die Hirne hätte eben dadurch erkannt werden sollen. Insbesondere haben sich jedoch andere, eigentlich (da haben wir es wieder, das „eigentlich“) auch der Entlarvung geweihte Menschen so dümmlich dazu geäußert (http://www.spiegel.de/kultur/tv/jan-boehmermann-kabarettisten-aeusseren-sich-zum-fall-a-1086815.html), dass ich mich einschalten muss, um größeren Schaden vom Volke zu wenden.

Eines Erstsemesters nicht würdig sind die Beiträge, die sich mit der äußeren Form und dem Wortgeklingel des Gedichts abgeben. Natürlich ist das formal schlecht gemacht, natürlich wimmelt es von platten Brüskierungen und Reimen, bei denen es einen zerreißt, vom holprigen Versmaß ganz zu schweigen. Aber gerade in der derben künstlerischen Nullleistung liegt ja der Sinn ihrer Verlautbarung. Böhmermann hat durch den Vortrag gesagt: „So handwerklich schwach hätten ich und meine Redaktion das niemals gemacht, wenn es uns darum gegangen wäre, Erdogan zu kritisieren oder lächerlich zu machen, ja nicht einmal, wenn es uns darum gegangen wäre, ihn zu beleidigen. Denn das hier ist keine Satire. Die Satire findet außerhalb dieses Textes statt.“

Mit ihren unverständigen Reaktionen haben sich all diejenigen selber vorgeführt, die zu benennen Böhmermann noch extra drei Stunden Sendezeit gebraucht hätte. Aber die Satire ist immer dann auf ihrem Zenit angekommen, wenn sie die von ihr Gemeinten als Mitautoren aktiviert und sie zu Denunzianten ihrer Beschränktheit macht. Denn das Erdogan-Gedicht ist die Fortsetzung des Varoufake: Das Bloßstellen der Banalität der Medienblamage, nämlich der Skandalisierung von Marginalem bei gleichzeitiger Marginalisierung des Skandalösen. Das, was der Berichterstattung und der Debatte wert wäre, wird an den Rand gedrängt (Menschenrechtsverletzungen in der Türkei? Unterdrückung der Presse? Kurden? Rüstungsdeals? Flüchtlingsdeals?), während das Unwichtigste zu Staatskrisen und Verschnupfungen der diplomatischen Korps führt.

Der rechtlichen Auseinandersetzung dürfte Böhmermann gelassen entgegensehen (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/boehmermanns-erdogan-gedicht-ermittlungsverfahren-unausweichlich-interview-a-1085959.html). Die nächste Sendung, eigentlich für morgen vorgesehen, fällt aus, dann ist vielleicht bei der Tagesschau wieder ein bisschen Sendezeit für die echten Erschütterungen des Weltenlaufs da. Aber die sind ja alle so weit weg, immer noch.