Tschö mit ö und Renditö-Verschwö ditö

Die Immermehrvernetztheit aller mit allem und die Allgegenwart von „Information“, kurz: das Internet hat jedes Individuum zum Erklärbär dessen gemacht, was es sich zur sogenannten Realität erkiest. Doch damit nicht genug: Das Individuum will nicht nur sich, sondern auch allen anderen die Realität erklären (wovon dieses Gebloggere hier beredtes Zeugnis ablegt), und das – wie könnte es anders sein – mit Alleingeltungsanspruch. So wird aus jeder nunmehr von vornherein zwangsöffentlichen Verlautbarung so etwas wie der private Katechismus des Individuums. Aus der good ol‘ Komplexitätsreduktion ergibt sich fast schon zwangsläufig die Notwendigkeit, den disparaten und kontingenten, in Modelle nicht mehr pressbaren Erscheinungen menschlichen Tuns eine in sich geschlossene, alles wieder glättende Interpretation entgegenzusetzen. Es kömmt eben nicht mehr darauf an, die Welt zu verändern, das tüt sie ohnehin permanent, sondern sie zum Behufe des eigenen Seelenfriedens so zu interpretieren, dass man darüber nicht den Verstand verliert (auch wenn man gar keinen zu verlieren hat).

Es ist folglich mehr denn je die Zeit der schrecklichen Vereinfacher, und so haben sie denn auch Zulauf: die politischen Parteien, die alles auf einen schröcklichen Nenner bringen, die Unternehmen, die Erlösung durch das richtige Produkt suggerieren, die Medien, die den perfekten Eskapismus choreographieren, alle sind sie zur Stelle, denn sie haben erkannt: Des Menschen Komplexitätsreduktion ist sein Himmelreich, und mit der Verwaltung dieser Gated Community lässt sich Staat und Kohle machen.

Ich sage „sie“, und es klingt, als handele es sich um eine homogene Gruppe der oberen Zehntausend, die sich zu unserer Ausbeutung verschworen hätten. Doch schon die Annahme, dass es Verschwörungen von Menschen über einer Gruppenstärke von – sagen wir mal willkürlich – 50 Personen geben könnte, sagt viel aus über die psychologische Blindheit der Theoretiker. Eine Verschwörung, will heißen das Zusammengeisten von Individuen im Geheimen, das Konspirieren eben, ist schon ein Widerspruch in sich. Sollte sich eine auch nur geringe Zahl von Egos finden, die in der Lage wären, tatsächlich im Verborgenen eine Strippenziehermacht aufzubauen, dann würden unweigerlich die Erscheinungsformen eben dieser Egos zum Zusammenbruch der Verschwörung führen – entweder in Form eines offenen und gar nicht mehr geheimen Bekenntnisses zum stärksten Ego oder in der Form der gleichmäßigen Marginalisierung der einzelnen Egos bis zur Bedeutungslosigkeit. Innerhalb einer Partei oder eines putschbedrohten Staates beispielsweise ist beide Szenarien schon vielfach aufgetreten, nur eben nicht als anhaltende Konspiration, sondern als Provisorium bis zur Machtokkupation oder bis zum völligen Einflussverlust. Die permanente Konspiration von Mächtigen hingegen ist undenkbar. Machtausübung und Machtdemonstrationsverzicht, das geht nicht zusammen. Persönlichkeiten dieses Schlages müssten erst noch erfunden werden. Menschen konspirieren nicht. Sie verfolgen je eigene Interessen, und wenn deren Verfolgung sich zeitweilig mit der Strategie anderer deckt, so bildet man vielleicht auch ganz unerhörte Koalitionen, aber immer nur vorübergehend.

Die Attraktivität einer Verschwörungstheorie für das komplexitätsreduktionsgeile Gehirn besteht aus zwei gemeinhin als unwissenschaftlich gebrandmarkten Komponenten: dass sie mit höchster Simplizität und Verständlichkeit nach eigenem Verständnis etwas „erklärt“, also mit Eindeutigkeiten, Polaritäten, größtmöglichen Kontrasten etc. eine Perspektive konstruiert, aus der alles einen Sinn ergibt; und dass sie nach eigenem Verständnis „aufklärt“, also einen eigenen ideologischen Standpunkt gegenüber anderen, desavouierten ideologischen Standpunkten einnimmt und so darstellt, warum die Erklärungen aus anderen Perspektiven untragbar sind (weil sie z.B. der „Lügenpresse“ entstammen). Dieser Attraktivität wollen wir hier aber nicht erliegen. Es gibt kein Zentralhirn etwaiger dauerhafter, weltumspannender Konspirationen, die unter der Oberfläche der sogenannten demokratisch und auch der nicht so genannten, folglich offen undemokratisch verfassten nationalstaatlichen Konglomerate den Weltenlauf zu ihrer alleinigen Wohlfahrt lenken, und insofern lässt sich die monotone Marschrichtung der Kultur- und Marktgleichschaltung auch nicht erklären. Aber es gibt Seilschaften, Eliten, Netzwerke, Ivy-League-Zirkel, Lobbyverbände, transnationale Multiproduktkonzerne, unheilige Koalitionen. Dass sie sich bisweilen untereinander bis aufs Blut bekämpfen und einander das Schwatte unterm Nagel nicht gönnen, ändert nichts am Grundkonsens und dem gemeinsamen oder genauer: nur gleichzeitigen Erfolg der einzelnen Protagonisten bzw. korporativen Akteure – und der Aktionäre natürlich.

Für uns Erste-Welt-Bewohner stellt das lediglich eine faktische, aber untergründige Einschränkung der oberflächlich exorbitanten Bandbreite der Verhaltens- und Wahlmöglichkeiten dar: Kaufst Du Milka, bezahlst Du Mondelez; kaufst Du Cadbury, bezahlst Du Mondelez; kaufst Du Daim, Oreos oder Toblerone, wen bezahlst Du wohl? Aber wählst Du SPD, bekommst Du auch nur CDU.

Für die Märkte der zweiten und dritten Welt bedeutet die erdrückende Marktmacht der transnationalen Konzerne und die durch Subventionen protegierten Produzenten unserer Hemisphäre, dass lokale mittelständische Unternehmen und Kleinanbieter wie auch Produzenten (z.B. Bauern) vernichtet werden, buchstäblich und wortwörtlich. Der Umstand, dass europäische Tomaten für Dumpingpreise den afrikanischen Markt überschwemmen und es den örtlichen Bauern unmöglich machen, ihre Tomaten loszuwerden, ist mittlerweile eine bekannte Tatsache, aber in seiner Perversion noch nicht genügend angeprangert, will mir scheinen. Die Fortsetzung des Imperialismus und Kolonialismus – die Erfindung neuer Euphemismen für die alten Praktiken verbietet sich von selbst – äußert sich nicht mehr in Obszönitäten ersten Grades: dass wir nämlich das Lohn- und Produktionskostengefälle dazu nutzen, uns das Zeug schön billig kommen zu lassen, während die da unten kaum davon leben können, sondern auch in Obszönitäten zweiten Grades, indem wir die da unten auch noch abhängig von unseren Importen machen – und von unseren Patenten auf die Biosphäre, wovon die Menschen ein Lied singen werden können, die von Monsanto gezwungen werden, das aus eigener Ernte zurückgelegten Saatgut zu vernichten, um das Monsanto-Zeug kaufen zu müssen.

Noch vor wenigen Monaten war ich so naiv und glaubte, der Konsument müsse sich nur seiner Macht bewusst werden. Dann hätte hier die Quintessenz gestanden: „Sie leben wie die Maden im Speck. Wir müssten uns nur klarmachen, dass wir über den Speck gebieten. Wenn wir ihn ihnen wegnehmen, sind es nur noch Maden. Wir müssen nicht einmal konspirieren, uns also eben nicht verschwören. Es braucht kein Gemeinschaftsplus, sondern jeder Einzelne kann ihnen zeigen, dass ihr Scheiß keine Macht über uns hat. Kauf halt keinen Nike-Schuh, der immer noch, trotz aller Lippenbekenntnisse und allen Konsumentenwissens unter obszönen Bedingungen hergestellt wird. Just don’t do it.“ Aber genau das ist fast unmöglich geworden, auf dem Lebensmittelsektor im höchsten Grad.

Schuld ist nicht die ominöse, allumfassende Verschwörung, sondern der Umstand, dass die Erste Welt alles zum Spekulationsobjekt gemacht hat, jedes menschliche Hervorbringungstalent ist in die Hände von Anteilseignern gefallen, ist Investitionsobjekt geworden, so dass am Ende die Geldgeber entscheiden – nicht gemeinsam, aber alle aus dem gemeinsamen Interesse der Rendite heraus. Nicht der Konsument hat mehr die Macht, sondern der Aktionär. Um die ethischen Dimensionen eines Investments schert sich ein Aktionär nicht, umso mehr, als das vielleicht noch mit solchen Gedanken geplagte und der Expertise von Anlageberatern ausgelieferte Individuum des Kleinaktionärs auf dem Rückzug ist. Und die Verantwortungsdiffusion der Investments von Großaktionären ist so hoch, dass es am Ende tatsächlich und wörtlich keiner gewesen sein wird – es also auf exakt das Gegenteil einer Verschwörung hinausläuft.

Die einzige Möglichkeit, sich ein Promille von Unschuld zu erhalten, ist neben dem – fast unmöglichen – Verzicht auf konsumatorischen Imperialismus und dem – allerdings sehr möglichen – Verzicht auf touristischen Kolonialismus: sein Geld niemals anlegen. Gib es dem BoDo-Verkäufer. Gib es mit vollen Händen für möglichst produktlose Dienstleistungen wie Massagen aus. Lass Karikaturen von Dir anfertigen. Lass Gedichte auf Dich verfassen. Verjux das Geld in der nächsten Eisdiele. Die Sahne ist allerdings von Mondelez. Dilemma wie imma.

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