Die Jugend von heute

„Wir sollten der von Pillemon-Go abhängigen, Duck-und-Hackface-Selfies verspritzenden und sich im Second Screen verlierenden Generation unserer Kinder nicht – wie noch jede Elterngeneration es tat – vorwerfen, dass sie nicht so ist, wie wir als junge Aufbruchgeneration gewesen zu sein vorgeben, sondern mit allen Mitteln zu verhindern versuchen, dass sie so wird wie wir sind: ergeben einer selbstverschuldeten Lähmung, einer Angst vor dem einzig Sinnvollen, nämlich dem Alles-ganz-anders-Machen. Unlösbar bleibt indes das Dilemma, dass die Immer-weiter-so-Machenden die Nachgeborenen zum Alles-ganz-anders-Machen schwerlich erziehen oder anleiten können. So bleibt u“

 

Dies schrob ich vor mehr als drei Jahren. Wie es weitergehen sollte, weiß ich nicht. Spielt auch karól. Heute stehe ich kurz vor meinem 43., gewahr werdend, dass ich in meinem 42., dem Jahr mit der Zahl, die die Antwort auf alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist, keinen Turnaround whatsoever geschafft habe. Da kann man auch über Fußball schreiben, schon wieder. Dass wir dem Umstand, dass 22 Leutchen einem Ball hinterherhetzen und ihn gelegentlich kunstvoll, öfter aber prosaisch und manchmal gar nicht im Verlauf eines Spiels im Tor unterbringen, eine Bedeutung beimessen, ist höchst arbiträr. Ich glaube, wir tun es, da beim Fußball durch die größere Wahrscheinlichkeit, dass ‚der Bessere‘ gewinnt, ein Riss von oben bis unten geht, nämlich der der irgendwie auch Wahrscheinlichkeit benamsten Unwahrscheinlichkeit, dass der Schlechtere gewinnt. In hochscorigen Sportarten wie Basketball und Handball ist es nicht nahezu, sondern vollkommen ausgeschlossen, dass der Schlechtere gewinnt. Das Ergebnis ist unmittelbarer Ausdruck der Über- oder Unterlegenheit oder eben auch der Ebenbürtigkeit der Gegner. Beim Fußball genügt unter Umständen der lucky punch, um ein dann wertloses statistisches Übergewicht des einen in seine ganz und gar tragödische Niederlage kippen zu lassen. Ich glaube, dass Fußball sich deswegen einer so großen und angesichts der objektiven Unattraktivität der meisten der 90 Minuten eines Spiels irrationalen Beliebtheit erfreut, weil Otto Normal sich notorisch auf der Seite der Schlechteren wähnt, auf der Seite derer, die sich mit dem schon vorab irgendeinen Heroismus insinuierenden Begriff ‚underdog‘ schmücken, auf der Seite derer also, die im schlimmsten Fall nur das tun, was ohnehin erwartet wird, nämlich verlieren, und die im besten Falle einen Anteil an etwas erhalten, was bei den alten Griechen die wenigen Aufbegehrer gegen die Götter genießen durften: einen kurzen, aber dank Erinnerungsfähigkeit unsterblichen Triumph, meist mit umso tieferem Fall bezahlt, der die Erinnerung an den Triumph jedoch umso köstlicher macht. Denn die Götter, Max Frisch hat’s schon gesagt, langweilen sich natürlich unendlich in ihrer Unsterblichkeit, i.e. im Kontinuum ihrer ungefährdeten Meisterschaften, verlässlich wiederkehrenden Champions-League-Titel etc. Das unwahrscheinliche Glück, in der bewussten Epoche des eigenen Lebenscirculs vielleicht eine Meisterschaft unter idealerweise erzählträchtigen Bedingungen miterlebt zu haben, ist dagegen der Feuerdiebstahl des Prometheus, der Bengalo in der Hand der echten Menschen. Und vielleicht ist das das Tröstliche für Otto Normal: dass es psychologisch wahrscheinlich ist, dass das Glück in der Erinnerung liegt, und die ist kein Kapitalist. Es reichen kleine Einlagen, den Zins bestimmt man selbst, und die Zukunft ist immer nur die Hoffnung, dass einem künftige Erinnerungen glücklich zufallen mögen, während die Götter immer fürchten müssen, dass die Zukunft schlechter wird als die eigentlich unübertreffliche Gegenwart.