Ferdls Feinde

Die ARD hat sich was Sensationalistisches einfallen lassen. Zeitgleich bei ihr und ihren Dritten liefen zwei Filme nach einer Drehbuchvorlage von Ferdl von Schirach, „Feinde: Gegen die Zeit“ und „Feinde: Das Geständnis“, vorgeblich zwei Blickwinkel auf einen Fall, denn, so darf der Ferdl in einer nachgeschalteten Dokumentation raunen, nur die Kenntnis beider Seiten lasse die Wahrheit erkennen. Die Gleichzeitigkeit der Sendung ergibt gerade dann zwar keinen Sinn, aber sei’s drum. Es haben ohnehin alle 120 Millionen Zuschauer entweder in der ARD selbst oder via Mediathek beide Teile gesehen, und leider spielt auch die Reihenfolge der Rezeption überhaupt keine Geige, da nicht etwa in einem Teil enthüllt wird, was im anderen verschwiegen bleibt.

Drei Versagenskomplexe, die beide Filme ganz unerträglich machen, seien hier behandelt:

1. Darstellung der Polizeiarbeit und die dargestellte Polizeitaktik

Das ist keine Korinthenkackerei, wenn hier die Darstellung der Polizeiarbeit bemäkelt wird, sondern dadurch fundamentale Kritik der dramaturgischen Logik. Dass in deutschen Krimis seit jeher ein Zweierteam Mordfälle löst, mehr durch Intuition als durch Ermittlung, dass Vernehmungen ohne Belehrung in mündlicher Form vorgenommen werden: geschenkt. Aber Ferdl, laut Dokumentation „inspiriert“ vom Fall Jakob von Metzler bzw. Daschner, will ja, als Relevanzdichter, die ganz großen ethischen Dilemmata auf die Röhren, die die Welt bedeuten, bringen, und da ist die Wahl unrealistischer Settings verhehrend. (Ich greif jetzt immer den Ferdl an, wiewohl ich gar nicht weiß, in welchem Verhältnis Drehbuch und Drehbuchvorlage zueinander stehen. Ein eigener Versagenskomplex. Man möge mich an der entsprechenden Stelle dafür abwatschen.)

Nach Kenntnis von der Entführung (juristisch: Erpresserischer Menschenraub, § 239a StGB) wird nicht etwa der bundesweit übliche Rahmen einer BAO (Besondere Aufbauorganisation) mit standardmäßigen Einsatzabschnitten, Verantwortlichen und Hierarchien unter der Führung mindestens eines Beamten des höheren Dienstes gebildet, sondern eine „Sonderkommission“ zusammengetrommelt, in der sich alle siezen und deren Leiter offenkundig im gehobenen Dienst ist (der Verteidiger nennt ihn, nicht eben wenig überheblich, „Herr Kommissar“). Ob BAO oder Sonderkommission, bei erpresserischem Menschenraub kommt es stets zur Kollision von Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Die Ermittlungen dienen im günstigsten Falle zwar beiden Aufgabenerfüllungen, aber im Zweifelsfall hat die Gefahrenabwehr Vorrang und bestimmt die Polizeitaktik. Die rasch als ausgeschöpft dargestellten Ermittlungsansätze können noch als realistisch gelten, was aber dann kommt, ist eine Bankrotterklärung gefahrenabwehrender Taktik. Rund sieben Stunden nach der Entführung überweisen die Eltern den geforderten Betrag, nach Angaben des IT-Nerds der Behörde braucht der Betrag ungefähr einen Tag, um beim Entführer als in Bitcoins verifiziert anzukommen. Etwa zeitgleich fällt dem „Kommissar“ die Bewerbungsmappe eines Sicherheitsdienstmitarbeiters in die Hände. Ein kurzer Blick in die Mappe, ein kurzer Blick auf die Kollegin, und folgender Text wird aufgesagt: Kommissar: „Das könnter sein. Was hamwer über den?“ – Kollegin: „Aktenkundig isser nicht.“ – Kommissar: „Wurde er schon befragt?“ – Kollegin: „Wir haben ihn noch nicht erreicht.“ – Kommissar: „Ich besorg einen Durchsuchungsbeschluss.“ What?! Zunächst einmal würde kein Richter einen Durchsuchungsbeschluss bei dieser „Verdachtslage“ ausfertigen. Und polizeitaktisch hätte man, nachdem man das Umfeld des Tatverdächtigen verdeckt abgeklopft hätte, natürlich unbedingt gewartet, bis das Lösegeld mutmaßlich bei ihm angekommen ist. Man hätte ihn observiert, um ggflls. von ihm zum Unterbringungsort der Entführten geführt zu werden. Das ist gefahrenabwehrend klüger und auch strafverfolgend sehr viel belastbarer. Bei erpresserischem Menschenraub gibt es stets drei Szenarien: Das Entführungsopfer ist bereits tot, es wird bewacht und versorgt oder es ist irgendwo allein. Allein das letzte Szenario führt wegen der Gefahr des Verdurstens, Verhungerns oder Erfrierens zu zeitlichem Druck. Dass dieses letzte Szenario im Film für die Ermittler das wahrscheinlichste ist, wird durch nichts erhärtet, allerdings jedoch durch die Festnahme (Ingewahrsamnahme? Haftbefehl? Richtervorbehalt? Kein Wort davon.) des Tatverdächtigen realiter am wahrscheinlichsten. Die zeitliche Dringlichkeit wird also überhaupt erst durch schwachsinniges Polizeihandeln hergestellt, denn dass ein Tatverdächtiger schweigt oder doch zumindest sich erst einmal eines Anwalts versichert (über das Recht dazu müsste man freilich erstmal belehrt werden, was zu keinem Zeitpunkt gezeigt wird) und dadurch Zeit vergeht, ist erwartbar. Hier hätte der Ferdl sich vielleicht einfach an die Realität seiner Inspirationsquelle halten sollen. Dort entstand der zeitliche Druck aufgrund des Verhaltens des durch Observation ermittelten Täters nach der Lösegeldübergabe; er machte nachweislich keinerlei Anstalten, sich zu seinem Entführungsopfer zu begeben, sondern wollte sich ins Ausland absetzen, und damit wurde wahrscheinlicher, dass sein Opfer entweder schon tot war oder seinem Verschmachten überlassen werden sollte. Beim Ferdl übersetzt sich hingegen die Spannung, die der Zuschauer aus seinem Wissensvorsprung gewinnt (durch einen unglücklichen Umstand droht das Entführungsopfer an einer Kohlenmonoxidvergiftung zu sterben), in den plötzlichen zeitlichen Druck für den „Kommissar“; das taktisch sinnlose Festsetzen (anders lässt sich dieses im rechtsfreien Raum statthabende Festhalten nicht bezeichnen) des Tatverdächtigen setzt erst das ethische Dilemma in Gang. Reichlich bescheuert, um mal eine altbackene Injurie zu benutzen.

Aber selbst für den Fall, man bejahte das Festsetzen des Tatverdächtigen (der diese Bezeichnung juristisch gar nicht verdient): Von Vernehmungstaktik scheint der „Kommissar“ auch noch nichts vernommen (höhö) zu haben. Nach zwei Minuten nervenzerfetzenden Psychokriegs (entwaffnendes Lächeln, väterliche Masche, Appell an das VerantwortungFsgefühl des von ihm Verdächtigten, raffinierter Angriff auf dessen Narzissmus: „Wollen Sie mehr sein, als Sie sind?“) bricht es aus ihm heraus: „Ich bin zu lange in dem Beruf, ich weiß, dass Sie’s waren.“ Und stürmt raus. Phänomenal. Im Dialog mit der Kollegin remonstriert diese auf sein „Er geht in Gewahrsam, weil er’s getan hat“ mit „Das können Sie nicht wissen, wir haben nichts gegen ihn in der Hand“, worauf er: „Ja, aber wir müssen jetzt handeln, morgen ist es vielleicht zu spät“ (ein Satz, der übrigens auch nicht funktioniert, wenn man versucht, jemanden ins Bett zu kriegen, aber das nur am Rande). Zwanzig Sekunden später steht sein Entschluss fest, dass dem von ihm Verdächtigten nur mit Folter beizukommen ist. Dafür wird er zwar von der Kollegin für verrückt erklärt, aber das war’s auch.

In der Folge kommt es zu weiteren Groteskerien, die in der Verwaltungsrealität so nie passieren können, institutionell nicht, rechtlich nicht, faktisch nicht: Der Verdächtigte wird ins Polizeigewahrsam gesteckt, offenkundig ohne einen Richter kontaktiert zu haben. Selbst wenn das in der Allmachtsphantasie eines Polizisten noch möglich ist, ist ein solcher Alleingang angesichts einer Gewahrsamsordnung, entsprechender Schriftverkehrserfordernisse und viel zu vieler beteiligter Beamter, die allesamt Angst um ihren Arsch und vor allem um ihre Pension haben, äußerst unwahrscheinlich. Der Alleingang erledigt sich spätestens in dem Moment vollends, in dem er sich „Rückendeckung bei der Präsidentin“ für seine Folterabsicht zu holen versucht, und zwar in einem schriftlichen (!) Antrag. Spätestens in dem Moment weiß mindestens eine hochstehende Beamtin von einem rechtswidrig im Polizeigewahrsam festgesetzten Menschen und von einem rechtsstaatlich indiskutablen Vorhaben des antragstellenden Polizisten. Eine Präsidentin, die nicht ihren Ascot-Hut nehmen müssen will, versetzt den Beamten sofort, entbindet ihn von der Ermittlungsarbeit, so nicht disziplinarrechtlich sogar eine Suspendierung geboten ist. Keinesfalls begnügt sie sich mit einer laschen Ablehnung. Der Ferdl insinuiert, dass das ein möglicher und so konsequenzloser Verwaltungsvorgang ist. In der Realität seiner Inspirationsquelle entschloss sich der stellvertretende Polizeipräsident nach stundenlanger, seitens des Täters irreführender und daher ergebnisloser Vernehmung zur Androhung von Gewalt, offenbar ohne nennenswerten Widerstand seiner Untergebenen. Das Versagen der Untergebenen bei ethischer Abirrung des Vorgesetzten in der geschichtlichen Realität ist aber nur scheinbar ein größerer Skandal als das Versagen der Vorgesetzten bei angekündigter ethischer Abirrung des Untergebenen in der Fiktion. Das wird beim Ferdl aber nicht weiter verfolgt, man hatte ja nur drei Stunden Filmzeit.

Nach dem waterboardenden Alleingang des „Kommissars“ geht es dann hopplahopp, ein kurzer Anruf genügt, um ein SEK-Kommando zum Aufenthaltsort des Entführungsopfers zu entsenden, da ist nichts weiteres zu koordinieren, einzuweisen, keine Information über mögliche Mittäter, Bewacher etc. weiterzugeben, nein, während das SEK stürmt, wird der Verdächtigte „auf dem Revier“ vernommen und gesteht die Entführung, was man gottlob nur ohne Tonspur durchs Fenster gezeigt bekommt, sonst müsste ich garantiert weitermeckern. Nach der Konfrontation mit dem Tod des Entführungsopfers, aber nach seinem Geständnis wohlgemerkt, fällt dem Verdächtigten endlich doch noch ein, dass er einen Anwalt wolle. Wäre in der Fiktion – mal abgesehen von der Marginalie des Waterboardings – alles halbwegs ordnungsgemäß gelaufen, hätte der Verdächtigte also Beschuldigtenstatus erhalten und säße er nicht im Polizeigewahrsam, sondern in Untersuchungshaft, hätte er zwangsweise einen Pflichtverteidiger mit Beginn der Untersuchungshaft beigestellt bekommen. Je nun.

Vorhang zu für die Darstellung der Polizeiarbeit, Vorhang zu auch für diesen Sermon.

2. Darstellung des Prozessverlaufs, der gerichtlichen Vernehmung, Nichtdarstellung des weiteren Ermittlungsverfahrens

Bemerkenswert erscheint bereits, dass der Fall in einem Verhandlungstag abgehandelt werden soll und wird. Ansonsten ist die Absurdität der Sprechrollenverteilung in etwa so wie bei einer der Gerichtsshows, die in den Nullerjahren das Privatfernsehen verseucht haben (also eben doch wie in einer Talkshow, in der zu sitzen der Verteidiger vehement bestreitet), nur dass hier nicht die Richterin der rhetorische Star ist, sondern der Verteidiger. Die Sitzungsstaatsanwältin ist dazu da, zweimal den Verteidiger wegen vermeintlicher Stilverstöße anzumeckern, woraufhin dieser zurückmeckert, die Richterin hingegen ist lediglich dekoratives Element.

Natürlich wird, da inszenatorisch uninteressant und langwierig, nicht der Rest des Ermittlungsverfahrens und auch nicht das Zwischenverfahren gezeigt, was dazu führt, dass so getan wird, als habe es mit dem Geständnis eines Tatverdächtigen sein Bewenden und als versuche man polizeilich nicht, die Angaben doch noch zusätzlich durch Sachbeweise zu untermauern (insbesondere, wenn man als „Kommissar“ vielleicht die Angst haben muss, dass das eigene Foltern auffliegt und damit ganz vielleicht in Beweisverwertungsverbot droht). Diese inszenatorische Verkürzung führt zu schweren Brüchen in der Verfahrenslogik, die dann auch im dramaturgischen Höhepunkt oder auch dem theatralischen Klimaxgipfel, der „Prozess“ titulierten Verhandlung, übel aufstoßen. Jedenfalls scheinen Richterin und Staatsanwaltschaft so überrumpelt von den Enthüllungen des Verteidigers wie das Publikum, gerade so, als hätten sie nicht ebenso wie der Verteidiger den Wissensvorsprung der mindestens zwölfbändigen Ermittlungsakte gegenüber dem Publikum gehabt. So wird nicht nur das Publikum schockiert, sondern auch die übrigen Prozessbeteiligten blamiert, insbesondere die Staatsanwältin, denn offenbar hat sie die Akte nicht gelesen, und falls doch, die Abgründe und Fallstricke des Ermittlungsgangs nicht bemerkt. Böswillig könnte man auch feststellen, dass das Drehbuch, aus welcher Motivation heraus auch immer, dem alten weißen Mann in Gestalt des Verteidigers die größere interpretatorische Intelligenz gegenüber der Frau mit Migrationshintergrund in Person der Staatsanwältin zubilligt. Die Rollen hätten genauso gut andersherum besetzt werden können.

Mehr als unglücklich ist, dass nach der Enthüllung der Folter durch den Verteidiger nicht sofort die Verhandlung unterbrochen wird, sondern der Film, dem hehren Ziel des Ferdls folgend (s. 3.), natürlich noch den ethischen Exkurs unterbringen muss, und das nicht etwa in der denknotwendig nachträglich stattzufinden habenden Verhandlung gegen den „Kommissar“, wo er rechtstechnisch hingehört hätte, sondern noch in der Vernehmung des anschließend von der Richterin „mit Dank“ entlassenen Zeugen, d.h. im Zwiegespräch zwischen dem Verteidiger und dem „Kommissar“. So brillant die kühle anwaltliche Vernichtung des polizeilichen Tatverdachts gegen den Angeklagten tatsächlich gespielt und gefilmt ist (das einzige Lob, das ich zu spenden habe, seien Sie dessen versichert), sie kippt in dem Moment in die Vernichtung der Strafprozessordnung, in dem der Verteidiger den Noch-Zeugen dazu bringt, über seiner Meinung nach generell zulässige Ausnahmefälle für die „Rettungsfolter“ unter ärztlicher Aufsicht zu dozieren (was im Übrigen Daschner, der sich stets ausschließlich zu seinem Verhalten in seinem Fall geäußert hat, niemals getan hat ). Es geht dramaturgisch nicht nur darum, offenzulegen, was der Polizist getan hat, sondern um die Offenlegung eines archetypischen Volksempfindens, das in dem „Kommissar“ verkörpert wird: Dass es „ein Fehler im Gesetz“ sei, dass man im Rahmen einer Geiselnahme den Geiselnehmer zwar erschießen dürfe, wenn er seinerseits eine Geisel zu erschießen droht, aber ihm keine Folter androhen dürfe, um ein Leben zu retten (und das Verhandlungspublikum, der Chor der griechischen Tragödie also, applaudiert auch nolens volens). Das ist natürlich juristisch Quatsch, und ein juristisch immerhin halbgebildeter Polizist würde auch diesen schiefen Vergleich nicht goutieren, geht es doch beim finalen Rettungsschuss um Notwehr angesichts eines gegenwärtigen rechtswidrigen Angriffs, bei dem der Angreifer unstrittig Täter, wenn auch nicht notwendiger Weise schuldhaft handelnd, ist. Bei der hier in Rede stehenden Folter zur Erlangung einer Information sind die zum Objekt degradierten Menschen immer nur Tatverdächtige (selbst wenn sie geständig sind), und hier sind dem Ermittlungs- und Bauchgefühlsirrtum und damit der Willkür Tür und Tor geöffnet. So richtet sich die Belehrung des Verteidigers über die Geschichte des Folterverbots und seinen Absolutheitsanspruch auch nicht an den Kommissar, der das ja „weiß“, sondern durch die vierte Wand direkt ans Publikum. Dramaturgisch gewünscht und daher seltsam erzwungen, und das führt uns zum dritten Versagenskomplex.

3. Das angebliche aufklärerische Ziel kann nicht erreicht werden und wird folgerichtig nicht erreicht

Wer sich im linearen Fernsehen die Filme in der ARD angeschaut hat, wurde noch mit einer zwischengeschalteten „Dokumentation“ malträtiert, die angefeaturet wurde mit weiblicher Stimme aus dem Off: „Persönliches Gerechtigkeitsgefühl oder geltendes Recht? Das ist das Kernthema des Projekts ‚Feinde‘“. Der Ferdl sei „inspiriert“ worden vom Fall Jakob von Metzler. Ich würde sagen: Er hat abgeschrieben (wobei in der Fiktion die Realität des Falls und die Rechtsprechung dazu nicht bekannt zu sein scheinen – so wie in Bruce-Willis-Filmen der Schauspieler Bruce Willis völlig unbekannt ist) und versucht, die in Minute 2 der „Dokumentation“ von ihm in die Kamera salbaderte Botschaft „Unsere persönlichen moralischen Vorstellungen dürften nicht zum Gesetz werden, sondern das oberste Prinzip muss immer sein, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt“ ins juristische Laienvolk zu pflanzen. Leider schießen die diametral entgegengesetzten dramaturgischen Idiotien diesem angeblichen Ziel ins Knie, aber nicht final rettend. Die beiden Filme sind trotz der humanistisch schillernden flammenden Belehrungsrede des Verteidigers inszenatorisch nicht dazu geeignet, die Handlung des Polizisten als so verwerflich und niemals gesellschafts- und mehrheitsfähig darzustellen, wie sie es verdient. Der „Kommissar“, von Bjarne Mädel zeitweilig wahrscheinlich unfreiwillig wie sein Dietmar Schaeffer aus „Mord mit Aussicht“ angelegt, ist zu sympathisch, zu beseelt vom Wunsch, das „Gute“ zu tun (als Antipode zum von ihm zu Beginn des Films diagnostizierten „Bösen“ in der Welt), als dass man ihn nüchtern als den Straftäter betrachten könnte, der er ist (und dessen Aburteilung nicht mehr gezeigt wird), wohingegen der Verdächtigte und am Ende ja doch trotz Beweismangels für das Zuschauerempfinden irgendwie Überführte (da verpufft dann die juristisch und kriminalistisch einwandfreie Conclusio des Verteidigers fürs Publikum ungehört, dass es tatsächlich keine Beweise für eine Tatbeteiligung des Angeklagten gibt und er die Informationen, die letztlich im Geständnis landeten – das wir leider nicht zu hören oder lesen bekommen – , auch von Dritten erfahren habe können) schwer unsympathisch und empathiegestört wirkt. Wen juckt’s da noch, dass, wenn er es tatsächlich war, er eigentlich alles für das beschädigungsfreie Überleben der Entführten getan hat, er also gerade kein Magnus Gäfgen ist (die Anklage im Film lautet übrigens auf Erpresserischen Menschenraub mit wenigstens leichtfertig verursachtem Tod des Opfers, was wohl strittig sein dürfte). Und wenn das Drehbuch sich auch noch zu der Volte hinreißen lässt, den – ganz wie in natura – selbstverliebten, überheblich-väterlichen Verteidiger nach seiner Belehrung des Publikums über die Unverbrüchlichkeit des Folterverbots dem „Kommissar“ auf dessen Frage „Was wäre denn gewesen, wenn ich Lisas Leben hätte retten können?“ nicht antworten zu lassen „Darauf kommt es nicht an“, sondern „Wenn Sie Lisa geretten hätten, wären Sie für mich ein Held […], ich würde Sie bewundern, weil Sie ihre Zukunft für das Leben des Mädchens geopfert haben“, dann verschleiert sich der gewünschte Tenor vollends, denn für das Folterverbot ist der gefahrenabwehrende „Erfolg“ eben wie der vermeintlich hehre Zweck gänzlich unbeachtlich, und dass der Jurist, der gerade dies zu konstatieren versäumt hat, dem Täter doch seine Bewunderung ausspricht, allerdings nur erfolgsabhängig, ist menschlich und dramaturgisch nicht nachvollziehbar. Natürlich hat das Drehbuch noch einen irren Widerspruch auf diesen Widerspruch parat. Der „Kommissar“ fragt den Verteidiger: „Aber was, wenn ich keine Antworten bekomme?“, und der Verteidiger antwortet: „Dann bekommen Sie eben keine. So einfach ist das.“ Dass es aber doch nicht so einfach sei, behaupten die Filme in den restlichen 179 Minuten.

Und so lenkt der Ferdl denn doch das Publikum in den üblichen TED-Populismus, wenn er lobt, wie in den Filmen einerseits die Konflikte des Polizisten, andererseits die des Verteidigers gezeigt würden, und dazu aufruft, beide „Seiten“ zur Erkundung der „Wahrheit“ anzuschauen. Man darf fragen, warum zum Teufel man dann nicht einen Film gedreht hat, in dem beide „Konflikte“ dargestellt werden, aber doch eigentlich nur die beiden Protagonisten, denn keiner befindet sich in einem Konflikt. Der „Kommissar“ ist bis zuletzt davon überzeugt, das Richtige und Notwendige getan zu haben (insofern analog zu Wolfgang Daschner), der Verteidiger rückt letztlich nicht von seiner Rechtsstaatstreue ab.

Es gibt also keine intrapersonellen Konflikte, sondern lediglich die wirklich unüberbrückbare Kluft zwischen der nüchternen strafrechtlichen und strafprozessualen Betrachtung des Folterns oder seiner Androhung ex post und der unter der subjektiven Verantwortung getroffen Entscheidung in der Situation, die sich in ihrer Einmaligkeit und Intensität nie reproduzieren lässt. Die sich da entscheiden, sind nie die, die später darüber urteilen, und die, die darüber urteilen, sind nie die, die in eine solche Situation kommen können. Das ist gut so und nennt sich Gewaltenteilung. (Und in der Realität des Daschner-Falls hat nicht Daschner über die Legalisierung von Folter sinniert, sondern – neben der plebs – die Elfenbeinturmbewohner, die weder der Exekutive noch der Judikative angehören und daher schlimmstenfalls als „streitbare Intellektuelle“ gelten.) Aber auch bei der Andeutung dieser Kluft scheitern die Filme wie gezeigt, da die fiktive Polizeitaktik ödipal erst die Drucksituation herbeiführt, die sie beseitigen zu wollen vorgibt, und eine Aufarbeitung im Verfahren gegen den „Kommissar“ gar nicht gezeigt wird.

Der Ferdl darf auch noch verlogen über den Daschner-Fall blöken, dass er sich „einfach nicht vorstellen [konnte], dass in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2002 überhaupt eine solche Diskussion stattfinden kann“, gemeint ist die Diskussion über eine Legalisierung der Folter in Ausnahmefällen, „und ich war empört darüber und dachte schon damals: Eigentlich muss man diese Geschichte einmal anders erzählen, und ich bin dankbar, dass ich das tun durfte.“ Nur hat er’s nicht gemacht! Stattdessen kommen in der nämlichen „Dokumentation“ noch Opferfamilien zu Wort, die von „Auge um Auge“ sprechen und natürlich eine Lanze für das Verhalten des „Kommissars“ brechen. Garniert werden diese irren Widersprüche auch noch durch eine Abstimmung eines Testpublikums über die vollends sinnfreie und tendenziös gestellte Frage, ob das Urteil, nämlich der Freispruch des Angeklagten Entführers wegen Beweisverwertungsverbots seines Geständnisses, „gerecht“ sei (das Ergebnis wird nicht gespoilert) und die Reaktionen des Publikums in den sozialen Netzwerken. Hier Kostproben: „Ich halte die Folter in diesem Falle für absolut richtig. Bei mir würde es ohnehin ganz andere Strafen geben.“ – „Wo bleibt der Opferschutz“ – „Frage an Ferdinand von Schirach: Darf ich auch dann nicht zur Folter greifen wenn nur durch diese Folterung die Zerstörung der gesamten Welt und Menschheit verhindert werden kann? Z.B. Jemand der eine gigantische Atombombe zünden will und den Entschärfungscode nicht herausrückt?“ – „Der gezeigte Fall war einseitig konstruiert. […] Interessanter als das gezeigte konstruierte Delikt ist der bisher größte Fall einer Verletzung des Rechtsstaates in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland durch die Merkelsche Grenzöffnung für Millionen Migranten […].“ – „Es muss in Dt. viele, sich widersprechende Gesetze geben, damit Anwälte viel Geld verdienen! Weiter so!“ – „Darf ein Anwalt wissentlich die Rechtsprechung hindern? Nach unserem Empfinden geht es hier um Strafvereitelung.“ – „Wie konnte Herr Nadler sicher sein, den Täter vor sich zu haben? Er nannte ein Grinsen. Und wirklich: Täter verraten sich durch unkontrollierbare Reaktionen in Mimik, Gestik und Tonfall. Noch gilt das nicht als Beweismittel vor Gericht. Noch nicht! Bald wird es mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) möglich.“ – „Steht die Würde des Täters denn höher als die Würde des Opfers und dessen Familie? Der mögliche Täter kann also die Würde des Opfer [sic!], im schlimmsten Fall bis hin zum Tod missachten?“ und so weiter und so fort. Viele Äußerungen zeigen auch tiefes Unverständnis der Rechtsfolge des Beweisverwertungsverbots, nämlich dass eine rechtswidrig erlangte Information wie als nicht vorhanden und nie getätigt zu werten ist. Tenor: „Ja, aber er hat doch den Aufenthaltsort gesagt, das beweist doch…“ usf. Natürlich ist es schwer zu verstehen, dass etwas, was in der Kohlenstoffwelt eine Folge hat (der Verdächtigte sagt den Aufenthaltsort, die Polizei kann hinfahren), rechtlich keine Folge haben kann. Aber man hätte es erklären können, wenn man gewollt hätte.

Die Erziehung des Publikums ist gescheitert, aus mehreren Gründen: Zuvörderst, weil es einen Grad und eine ästhetische Form der Vereinfachung von komplexen Ethik- und Rechtsfragen gibt, die Aufklärung gar nicht bewirken können, aber Verblödung bewirken, und das ist durch die Filme erreicht. Sodann, weil die Diskussion, die Ferdl in 2002 noch für empörend gehalten hat, von ihm in 2021 wieder als scheinbar offen dargestellt wird: Der Zuschauer soll sich eine Laien-MEINUNG bilden über eine gottlob von Experten lange entschiedene Rechtsfrage, und es wird nur scheinbar widerwillig in Kauf genommen, dass die Erregung sich gegen vermeintlich weltfremde, weil viel zu milde, „ungerechte“ Urteile einer nüchternen technokratischen Elite richtet, denn in wunderbarer Offenheit gibt dann der Sender doch noch in Minute 6 der „Dokumentation“ zu, um was es ihm geht: Um die „starken Emotionen“, die die Themen „Kindesentführung und Folter wecken“, „wie bei…… [spannungsgeladene Pause]…. Jakob von Metzler“, dessen Fall dann mit Fokus auf die Bestialität von Magnus Gäfgen kurz angerissen wird. Eine Katharsis strebt die Darstellung nicht an, und die Publikumsreaktionen zeigen, dass auch der milde Lenkungsversuch des Ferdl ab Minute 22 der „Dokumentation“ nur der Versuch einer Selbstabsolution für den verzapften Bockmist sein kann:

„Es ist gar nicht schlimm, wenn Sie der Ansicht sind, die Folter ist richtig, und es ist auch nicht schlimm, wenn Sie den Strafverteidiger zunächst nicht verstehen und alles, was er sagt, abstoßend finden, aber Sie müssen darüber reden und Sie müssen sehen, dass Ihre persönliche Emotionalität niemals Gesetz werden darf. Nur wenn wir uns zurücklehnen und die Sache mit Abstand betrachten, kann das dazu führen, dass wir sehen, dass der Rechtsstaat besser funktioniert als unsere momentane Wut auf einen Täter, unser Ärger über ihn, unser Rachebedürfnis. Der Rechtsstaat kanalisiert das.“

Na servus. Viel Glück beim Vertrauen in die Revisionsfähigkeit von Meinungen, die durch solche Inszenierungen erst einmal bestärkt  werden. Wie man es besser, ja richtig macht, zeigt das Original, wenn man so will, „Der Fall Jakob von Metzler“ aus dem Jahre 2012, immer mal wieder zu sehen bei youtube. Halbdokumentarisch, keine dräuende Musik, kein Firlefanz, kein „Projekt“, kein „Experiment“, aber auch keine Sympathien für den anordnenden Daschner, dessen Aburteilung auch ihren Raum im Film einnimmt. Und das alles in 90 Minuten, die die 210 Minuten Ferdl absolut unnötig machen.

Es liegt in der Kultur der Sache, dass es für einen Dichter und eine interessierte Öffentlichkeit weitaus stimulierender ist, sich mit solchen, alle Jubeljahre relevant werdenden herausragenden ethischen Fragen immerfort und ad infinitum zu befassen, auch wenn sie juristisch und rechtspolitisch und sogar filmästhetisch geklärt sind. Wo aber ein Werk vom Ferdl zur ganz alltäglichen, täglich tausendfach an gesellschaftlich marginalisierten Individuen begangenen, dilemmafreien, vertuschten, nicht herauskommenden und nicht geahndeten Polizeigewalt bleibt, wird man fragen dürfen. Wahrscheinlich bedürfte es für ihre Relevantmachung eines wahren Dichters.

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